Piraten-Jinx

September 21, 2009

Das Ministerium für die Wissens- und Informationsgesellschaft und die blöde Basis

Filed under: Piraten, Programmatisches, Skandale — Tags: , — admin @ 10:16 am

Vor ein paar Tagen verstörte eine Meldung auf der Homepage der Piratenpartei Deutschland die Basis, die bis dahin vor allem mit dem Wahlkampf beschäftigt war (der vollständige Text findet sich hier). Neben dem sperrigen Titel, der langatmigen und inhaltsarmen PM (ein leidiges Problem) verstörte das Parteivolk vor allem, dass man von einer Forderung nach einem neuen Ministerium für die neue Zeit des Informations- und Wissenszeitalter noch gar nichts gewusst hatte. Der Beschluss, ein solches zu fordern, war mit der Basis nicht abgestimmt worden. Und die Basis reagierte mit einer gewissen Grätigkeit, was sie immer tut, wenn sie sich übergangen fühlt in dieser Partei, in der Basisdemokratie alles und wirrer Autokratismus gar nichts ist.

Die Diskussionen kochten hoch – in den Landesverbänden, von denen der Hamburger sogar eine kleine Anfrage stellte, im Forum, auf den Mailinglisten … überall herrschte Empörung über diese Eigenmächtigkeit, die inhaltlich zudem von vielen als unsinning angesehen wurde. Die Beschwichtigungsversuche blieben halbherzig und wurden teilweise als arrogant empfunden. Schließlich beschlossen diese nervigen Typen von der Basis gar, die Pressekonferenz zu entern, um ihrem Protest Ausdruck zu verleihen.

Nun braucht die Piratenpartei diese Aktion so kurz vor der Wahl so nötig wie ein Durchschnittsmensch ein Loch im Kopf, und dass der Vorstand zurückruderte und sich die Kritik der mangelnden Transparenz (haha!) zu Eigen machte, ist wohl leider weniger einer späten Einsicht geschuldet als dem Druck der lästigen Basis (die Typen nehmen das ernst mit der Basisdemokratie!).

Nun stellt sich die Frage, wie es dazu kommen konnte. Jeder wird anerkennen, dass der Vorstand die Kunst des Spagats zwischen Basisdemokratie und Handlungsfähigkeit beherrschen muss, was nicht immer einfach ist und auch nicht immer gelingen mag. Doch warum gelingt es dem BV so wenig, während es in den meisten Landesverbänden dieses Problem anscheinend nicht gibt, zumindest nicht in diesem Maße? Der Ruf nach mehr Transparenz wurde nämlich schon fast zum weißen Rauschen in den Diskussionsmedien der Piraten – so sehr, dass man ihn vielleicht gar nicht mehr wahrnimmt.

Als der momentane Vorstand beim diesjährigend Bundesparteitag (im Juni in Hamburg) gewählt worden war, war aus einer Parteienminiatur auf einmal eine veritable Kleinpartei gewonnen, deren Mitgliederzahl sich in kürzester Zeit verdreifacht hatte (damaliger Sachstand natürlich). Wir Neumitglieder standen also vor der Situation, Leute wählen zu müssen, die uns vertreten sollten, und die wir überhaupt nicht so richtig kannten. Es waren zumeist Altmitglieder, die in der kurzen Geschichte der Partei verschiedene Posten auf Bundes- und Landesebene innehatten. Man merkte dem Stimmvieh dem Wahlvolk deutlich eine gewisse Ratlosigkeit an, denn viele wirkten nicht sehr überzeugt von dem, was sie da sahen und hörten. Doch verständlicherweise wollte sich kaum jemand mit einer Kurzzeitmitgliedschaft selbst zur Wahl stellen. Also musste man mit den Typen vorlieb nehmen, die eben da waren. Man sortierte die ärgsten Schwafelköppe (oder die, die man sehr unsympathisch fand) aus und wählte, was übrig war, hätte aber auch eine Münze werfen können. Und nun steht der BV nicht mehr einer kuschligen Kleinstgemeinde vor, sondern einer vitalen Basis, die eben auch wegen der Basisidemokratie bei den Piraten eingetreten war – und die viel Kompetenz mitbringt.

Wie auch immer, der nächste Parteitag kommt bestimmt, die Basis hat auch dann einen Änderhaken – und ich denke, sie wird ihn auch benutzen, um sich von größenwahnsinnigen Plänen, enigmatischen Entscheidungen und Intransparenz zu befreien.

Where is our vote, Bundesvorstand?

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September 18, 2009

Die Unfreiheit mit der Jungen Freiheit

Filed under: Piraten, Pressearbeit, Skandale — Tags: , , — admin @ 2:06 pm

Eigentlich wollte ich darüber nicht auch noch schreiben, und nun tu ich’s doch: Das Interview von Andi Popp mit der Jungen Freiheit, der Fragebogen, den Jens Seipenbusch ausgefüllt hat und die Reaktionen darauf. Wobei in den Medien regelmäßig verabsäumt wird, zu erwähnen, dass sowohl Seipenbusch als auch Popp inhaltlich nichts geäußert haben, was mit den Grundsätzen der Piratenpartei nicht in Einklang zu bringen wäre, und Popp hat sich sogar deutlich von rechten Bewegungen distanziert (dass Jens Seipenbusch dies nicht tat, lag daran, dass der Fragebogen keine entsprechenden Fragen enthielt). Wer selbst nachliest, anstatt nur nachzututen, was die Medien und die sogenannten A-Blogger ihm vorkauen, wird feststellen: An beiden Äußerungen ist inhaltlich nichts, aber auch gar nichts zu beanstanden. Wenn die Piraten durch diese Interviews unwählbar werden, dann sollte das auch für die anderen demokratischen Parteien gelten, deren Vertreter sich in dieser Zeitung ebenfalls äußerten.

Zunächst muss man feststellen, dass die Junge Freiheit nicht der Völkische Beobachter ist, auch wenn man, so man sich durch die zahllosen Reaktionen kämpft, was als Mitglied der Hamburger Presseabteilung bedauerlicherweise zu meinen Aufgaben gehört, zu einem anderen Schluss kommen könnte. Kurz gesagt: Das Blatt ist nicht verboten. Das allein ist kein Maßstab, denn das ist die National-Zeitung auch nicht, aber im Gegensatz zu der letztgenannten Postille, mit der hoffentlich niemals ein Pirat wird reden wollen, kann die Junge Freiheit auf eine stattliche Anzahl von renommierten Interviewpartnern  auch aus dem nicht-neu-rechts-konservativen Spektrum verweisen und tut das auch bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit – man ist also bereit, anderen Meinungen dort eine Stimme zu geben, aus welchen Gründen auch immer.

Ob man mit der Jungen Freiheit nun unbedingt reden muss, ist jedoch eine andere Frage. Das Hamburger Presseteam erhielt die Mail mit der ach so wahnsinnig dringenden Interviewanfrage schon vor ein paar Wochen (wir kommunizieren nämlich mit unserem Vorstand und bekommen jede Presseanfrage zunächst übersandt, bevor ein Interviewpartner gefunden wird, wie es üblich ist, von wegen Professionalität und so …). Wir besprachen uns und entschieden, diese Anfrage nicht zu beantworten, da wir als Hamburger Piraten (bzw. korrekterweise: die infrage kommenden Interviewpartner) in diesem Blatt nicht erscheinen und damit nicht in Verbindung gebracht werden wollen. Die Entscheidung, wie mit man einer solchen Anfrage umgeht, obliegt jedoch jedem Landesverband und auch den Bundespiraten selbst – bis die Basis eventuell zu einem Konsens nebst eindeutiger Weisung gefunden hat.

Doch wenn es denn unbedingt sein muss mit dem Interview, dann wäre ein weniger uninformiert wirkender Umgang und weniger Konfusion wünschenswert. Statements wie “tut mir leid, hab ich nicht gewusst” oder die Tatsache, dass das Interview mit Andi Popp an der Presseabteilung vorbei geführt wurde, lassen jedem, der mal irgendwann was mit Pressearbeit im weitesten Sinne zu tun hatte, die Haare zu Berge stehen.

Wer sich für ein Interview mit der Jungen Freiheit entscheidet, sollte wenigstens wissen, was er tut – und mit wem. Das ist mein ganz persönlicher Aufreger an dieser Sache. Bei Jens Seipenbusch war dies wohl der Fall, zudem sind die Fragen derart harmlos, dass sie auch von einem bei der Regenbogenpresse tätigen Reporter hätten stammen können.

Sollte der letzte Satz des heute bei Spiegel Online erschienenen Artikels ein Originalzitat sein, ist meine Toleranz in Bezug auf Merkbefreiung überschritten. Na, wir lernen noch. Und die Pressestelle der Bundespiraten hoffentlich auch. Irgendwann.

Wer das Interview bzw. den Fragebogen selbst nachlesen möchte (was immer zu empfehlen ist), bemühe bitte eine Suchmaschine. Ich behalte mir vor, in meinem Blog die Junge Freiheit nicht verlinken zu wollen. Aber gelesen habe ich beides natürlich, denn es geht nichts über eine eigene, selbständige Meinungsbildung. Falls jemand das jetzt inkonsequent findet: mag sein. Ist aber mein Blog.

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