Es scheint, als hätte die Mehrheit der Wähler unsere Positionen zur Familien- und Geschlechterpolitik noch gar nicht bemerkt, denn Aufschreie wie dieser sind selten.
Ja, es ist richtig: Wir wollen die Gleichstellung der eingetragenen Lebensgemeinschaften mit der altehrwürdigen Institution der Ehe. Wir wollen auch, dass gleichgeschlechtlich Liebende und Lebende Kinder adoptieren dürfen wie heterosexuelle Paare auch. Und wir wollen eingetragene Lebenspartnerschaft für alle Formen des Zusammenlebens öffnen, unabhängig von Anzahl und Geschlecht (nachzulesen im Grundsatzprogramm).
Wer davon hört, denkt oft zuerst an “orientalische Vielweiberei” oder vielleicht noch an die Kommune1. Doch Kern des Anliegens ist ein anderes.
Die momentane Gesetzeslage in Deutschland sieht zwei Formen der offiziellen Lebensgemeinschaft zwischen zwei Partnern vor.
- die Ehe, die heterosexuellen Paaren vorbehalten ist
- die eingetragene Partnerschaft, die ausschließlich gleichgeschlechtliche Paare eingehen dürfen. Wird von Betroffenen gern unter “viele Pflichten und kaum Rechte” verbucht.
Die genaue Anzahl der beteiligten Partner beträgt jeweils zwei, und die Voraussetzung für das Eingehen solcher Lebensgemeinschaften ist, dass die Partnerschaft mit dem gemeinsamen Ausleben von Sexualität verbunden ist. Mit der Gestaltung und dem Stattfinden des “ehelichen Beschlafs” beschäftigen sich sogar Juristen (Wikipedia-Link). Was sich auf den ersten Blick skurril liest, hat eine bestürzende Konsequenz: Der Staat interessiert sich dafür, was im eigenen Schlafzimmer einvernehmlich, legal und unter in jeder Hinsicht mündigen Partnern geschieht.
Es geht den Staat jedoch nichts an, was wir – im Rahmen der Legalität – in unseren Schlafzimmern veranstalten – oder eben nicht.
Den Piraten geht es darum, endlich den gesellschaftlichen Gegebenheiten Rechnung zu tragen, also eine rechtliche Grundlage für das zu schaffen, was es längst gibt, und zwar nicht in exotischen Ländern oder “verlotterten” Kommunen, sondern in der Mitte der Gesellschaft.
- Es gibt längst gleichgeschlechtliche Paare, die Kinder aufziehen
- Es gibt polyamante Gemeinschaften
- Es gibt Asexuelle, dje den körperlichen Aspekten einer Beziehung nach Möglichkeit aus dem Wege gehen, aber eine Lebensgemeinschaft eingehen möchten.
Bei einer Partnerschaft – egal aus wem und wie vielen sie besteht – steht nicht die Sexualität im Vordergrund, sondern die Bereitschaft, Verantwortung füreinander zu übernehmen. Letztere bedarf eines gesetzlichen Rahmens, ersteres geht niemanden etwas an.
Unsere Gesellschaft ist im Wandel, wir haben einen Pflegenotstand und rückläufige Geburtenzahlen, außerdem gibt es noch die Überalterung. Die Probleme, die in den nächsten Jahrzehnten auf uns zukommen, sind mit Klagen über den Untergang der Großfamilie und dem Ruf nach dem tradierten Vater-Mutter-Kinder-Schema nicht zu lösen. Beides sind durchaus valide Modelle, aber sie sind nicht mehr allgemeingültig und funktionieren nicht für jeden.
Wer die Großfamilie herbeisehnt, sollte sich gleich auch mit den Zuständen bis zum frühen 20. Jahrhundert anfreunden, denn beide sind untrennbar miteinander verbunden. Wer sich traditionelle Familienbande wünscht, dem steht es jederzeit frei, eine solche Familie zu gründen. Aber dies muss eine individuelle Entscheidung sein, keine kollektive.
Die Öffnung der eingetragenen Partnerschaft als gleichberechtigte Lebensgemeinschaft neben der Ehe für mehr als zwei Teilnehmer birgt ungeahnte Möglichkeiten und trägt der sich in den letzten Jahrzehnten rapide verändernden Gesellschaft Rechnung. Sie bietet sich an für jede Form der Gemeinschaft, deren Mitglieder sich rechtlich und wirtschaftlich absichern und Verantwortung füreinander übernehmen wollen. Dies gilt zum Beispiel für Patienten, die zu Pflegefällen werden und sich im Haus von entfernten Angehörigen oder Freunden pflegen lassen. Auch sogenannte “Regenbogenfamilien” können auf diese Weise eine Verantwortungs- und Versorgungsgemeinschaft bilden, abseits der gänzlich uninteressanten Frage, wer mit wem, wann, wie oft und ob überhaupt. Das Gleiche gilt für Wohngemeinschaften, die ihr Leben gemeinsam gestalten (z. B. Senioren-WGs als Alternative zum Altenheim).
Die Ehe als alleinige durch staatlichen Schutz bevorzugte Form der Partnerschaft hat in dem Moment ihre Berechtigung verloren, als Sexualität und Ehe in dem Maß voneinander entkoppelt wurden, wie dies seit den sechziger Jahren der Fall ist. Der Automatismus Ehe->Sex->Verantwortung funktioniert nicht mehr in der Ausschließlichkeit, wie dies noch vor fünfzig Jahren der Fall war.
Es ist an der Zeit, dass unsere Gesetzgeber ihre etwas unangenehme Fixierung auf sexuelle Fragen endlich hinter sich lassen und zu einer zeitgemäßen Form der Familiengesetzgebung finden, die den Anforderungen des gesellschaftlichen Wandels gerecht wird.


Ich finde die Einstellung ziemlich bescheuert.
Diese Form, die von den Piraten als Partnerschaft beschrieben würde man wohl eher als Freundschaft beschreiben und die große Masse an polyamanten oder asexuellen Partnerschaften wird es wohl kaum geben…
Da sieht man, dass die Piraten ernsthafte Probleme damit haben, mit sinnvolle Ideen ein Prrofil für Partei zu entwickeln.
Comment by katja — May 3, 2012 @ 6:03 pm
Nicht die sexuellen Fragen stehen im Zentrum der derzeitigen Gesetzgebung, sondern die Familie.
Für die “Väter des Grundgesetzes”, Mütter hatte es natürlich auch, hatten gewisse Vorstellungen von einer Gesellschaft. In der Vorstellung der Mehr der Mitglieder des Parlamentarischen Rates galt der Familie als “Keimzelle der Gesellschaft” eine besondere Rolle.
Aus hervorgehobenen Sonderrolle der Familie entstand Art. 6 des Grundgesetzes. Er schützt die (klassische) Ehe als eine Partnerschaft, aus der Kinder entstammen können. Nicht ohne Grund geht es in den Absätzen 2-6 weiter mit Eltern und Kindern und nicht mit gesellschaftlichen Zusammenschlüssen oder irgendwelchen sonstigen sozialen Fragen wie einer Besteuerung.
Ob es nun in der heutigen Gesellschaft von der Mehrheit als zeitgemäß empfunden wird oder nicht und ob viele Menschen heute anders leben: Mit der Gleichmachung von Ehe (und damit der klassischen Familie, wo es Erziehende und denen Schutzbefohlene gibt) mit größeren oder kleineren Zusammenschlüssen von Menschen jedweder Art, würde diese hervorgehobene Rolle der Familie vom Gesetzgeber beseitigt.
Die Rolle der Familie war den Verfassungsvätern und Müttern aber damals so wichtig, dass sie nicht einfach irgendwo hingepackt haben, sondern in unser Grundgesetz, sogar in die Grundrechte, die in ihrem Wesensgehalt nicht geändert werden können, weil sie als Grundlage für unsere Gesellschaft anzusehen sind. Dass der Grundrechtsschutz generell sinnvoll ist, ist aus meiner Sicht selbstverständlich. Ich will auch nicht – sollte sich die Mehrheit warum auch immer einmal finden – dass die Gleichheit von Mann und Frau oder die Meinungsfreiheit gestutzt werden.
Aus diesem Grund halte ich die Abschaffung der besonderen Stellung von Ehe und Familie für nicht erstrebenswert und bezweifele, dass diese Forderung überhaupt verfassungskonform ist. Nicht nur aus politischer Meinung, sondern aus logischen Schlüssen.
Comment by M Punkt — May 3, 2012 @ 6:11 pm
Hmm… Ja. Erstmal. Man sollte aber nicht vergessen, dass die starke Stellung der Zivilehe in Deutschland einen der Grundpfeiler der Demokratie darstellt. Dadurch, dass der Staat das alleiniges Recht der Eheschliessung uebernommen hat, wurde ein wichtiger Teil der Macht der Kirchen, ueber das Privatleben der Menschen, gebrochen. Das da bestimmte Moralvorstellungen mit uebernommen wurden ist verstaendlich. Inzwischen haben wir es geschaft den groessten Teil davon aus den Gesetzen zu raeumen – manchmal schon so lange, dass die meisten schon vergessen haben wie einengend es frueher war.
Die Ehe/Partnerschaft aber jetzt mit vielerlei neuen Formen zu erweitern und Gesetzeswerken zu ueberhaeufen ist in meinen Augen ein gewaltiger Schritt zurueck. Was das taegliche Leben anbelangt, so spielt sie Ehe nicht mehr die Rolle von einst. Der Schluss daraus, dass sie deswegen einer Staerkung bedarf um neue Formen einzuschliessen und vergangene Wirkung zu ernaeuern ist voellig falsch.
Gerade die Frage nach neuen Gemeinschaftsformen zeigt die Schwaeche des auf die Ehe zielenden Systems. All die Vorteile die der Staat den Ehen bietet um die Gesellschaft im ganzen zu staerken greifen bei modernen Lebensweisen nicht mehr oder sind sogar kontraproduktiv. Andererseits inst das Runterbrechen der staatlichen Beachtung auf den Einzelbuerger nicht nur fragwuerdig, sondern regelrecht Asozial. Ein Reformansatz muss daher an eben dieser Foerderung ansetzen. Nicht mehr die Ehe ist foerderungswuerdig, sondern die Bildung von Sozialgemeinschaften.
Und der einfachste Weg dazu ist nicht die Ehe zu demontieren und bis zur unkenntlichkeit zu deformieren, sondern ganz einfach ein dynamisches Modell der individuellen Sozialgemeinschaft zu foerdern. Und der direkteste Weg zur Foerderung ist die Steuerordnung. Steuer (sowohl Positiv- als auch Negativsteuern) und Abgaben haben einen direkten und kurzfristigen Einfluss auf erfolg und Misserfolg der Gemeinschaft von Menschen.
Warum also fuehren wir nicht einfach einen Stichtag zum 31. Oktober ein, zu dem jeder Buerger (und Bewohner) der Bundesrepublik seine Gemeinschaftszugehoerigkeit fuer das folgende Steuerjahr erklaeren muss? Ob mann mit Frau, ob Frau mit Frau, mit Kindern oder ohne, all diese Gemeinschaften werden im folgenden Jahr als eine Steuerliche Einheit behandelt. Nicht mehr sexuellen oder asexuellen Ansichten bestimmen das Bild, sondern die Familienstruktur an sich, die Gemeinschat derer die zueinander gehoeren. Das schliesst dann nicht mehr nur die Kleinfamilie ein sondern auch Eltern und Grosseltern. Fuereinander einstehen ist dann nicht mehr ein Kampf gegen die Buerokratie um nicht mehr dafuer bestraft zu werden, sondern umgekehrt, der, der mit seinen Liebsten zusammen arbeitet und fuer einander sorgt ist der Gewinner. Die Oma ins Heim und die Kinder in die Krippe ist dann nicht mehr die Optimalloesung.
Dank moderner IT, die bereits jetzt alle Steuervorgaenge beinahe in Echtzeit abhandelt, ist es kein Problem solche Verwaltungsvorgaenge mit abzuwickeln. Gegenueber der Vielzahl der Sonderregelungen die es jetzt gibt, um ansatzweise Gerechtigkeit zu erzeugen wird Generationengerechtigkeit ganz ohnePparagraphenwerk erzeugt.
Jeder nach seiner Facon und trotzem Gerecht.
Mal so als Idee.
Comment by Raffzahn — May 3, 2012 @ 6:17 pm
Hervorragend! Endlich einmal jemand, der etwas Sinnvolles zu diesem Thema fordert. Beide Daumen hoch für diese Stellungnahme, ich kann daran nicht das geringste Ablehnenswerte erkennen.
Weiter so! Leider gibt´s euch (noch) nicht in Österreich, da würde ich glatt wieder anfangen, wählen zu gehen.
OffTopic: ich werde im nächsten Monat 60.
Comment by wbiebel — May 3, 2012 @ 8:16 pm
Der Diskurs geht insgesamt am Sinnvollen vorbei. Sowohl Ehe als auch in welcher Form auch immer eingetragene Partnerschaften können sich für die Gesellschaft als schützenswert erweisen. Die eingetragene Partnerschaft seperat auch dem grundgesetzlichen Schutze zu unterstellen halte ich für durchaus möglich.
Wichtiger wäre es, sich mit den steuerrechtlichen und privatrechtlichen Konsequenzen auseinandersetzen, die den Quell aller ‘Ungerechtigkeiten’ darstellen. Es gibt keinerlei Grund Partnerschaften irgendeiner Art steuerlich oder in irgendeiner anderen Art zu bevorzugen. Die jeweiligen Partner in einer Beziehung profitieren so oder so durch ihr Zusammenleben. Die Lebenshaltungskosten für beide Seiten sinken. So sehe ich es nicht als notwendig an, die Ehe oder die eingetragene Partnerschaft steuerlich zu bevorzugen. Wichtig wäre unter anderem eine Anpassung des Erbschaftsrechts.
Steuerliche Bevorzugung und auch eine Bevorzugung bei Krankenversicherung und weiteren Feldern sollten einzig Lebensgemeinschaften mit Kindern zu stehen. Viele der Probleme in Deutschland leiten sich von den zu geringen Geburtenraten ab. Die Familie an sich muss also attraktiver werden, also eine wie auch immer geartete Lebenspartnerschaft mit Kindern, was auch Alleinerziehende Mütter und Väter mit Kindern beinhaltet. Nur diese bedürfen der aktiven Unterstützung des Staates und der Gesellschaft auf allen Ebenen.
So würde auch die Ungleichbehandlung von Homosexuellen, Heterosexuellen oder auch Alleinstehenden beendet.
Comment by FabianS — May 3, 2012 @ 11:01 pm
Um mal kritisch zu hinterfrage und ebenfalls einigen derer anzuschliessen fasse ich mich kurz:
Ich wuesste nicht, wieso nicht eine wie auch immer geartete Lebensgemeinschaft – sei sie bereit, Kinder gross zu ziehen (adoptierte oder selbstgezeugte – in beiden Faellen aber welche, die sie als ihre eigenen annehmen) oder sei sie auch nicht bereit dazu – nicht schuetzenswert sein sollte. Es ist immer von Familien die Rede. Ich denke, wir muessen uns vom klassischen Familienbild langsam aber sicher loesen, in dem ein Mann und eine Frau zusammen viele Kinder zeugen. Die Familie als gesellschaftlicher Anker und und Quelle von Gesellschaftlicher positiver Praegung ist auf nichts von diesem Bild angewiesen sondern lediglich auf Akzeptanz, Gleichberechtigung und Mitmenschlichkeit. Alle Lebensgemeinschaften die diese Bedingungen erfuellen, sind schuetzenswert – und es gibt genug Variationen.
Diejenigen, die sagen, es gaebe so viele Gemeinschaften nicht uebersehen, dass viele Menschen durch diesen hier strittigen Punkt unserer Gesetzgebung in das Schema des klassischen Familienbildes gedraengt werden. Dazu kommt, dass durch die noch grosse Engstirnigkeit und Angst der Gesellschaft vor anderen Beziehungsformen mit Sicherheit ein Grossteil der Beziehungen gar nicht als Licht tritt, gar als skandaloes gilt.
Was zaehlt ist aber die Liebe der Menschen zueinander, nicht welche sexuelle Orientierung sie haben, welche Zahl an Partnern sie lieben. Diese Liebe traegt diese Familien – und damit unsere Gesellschaft und ist damit schuetzenswert. Wer das verkennt, verkennt einen wichtigen Teil der gesellschaftlichen Entwicklung der letzten 30 Jahre.
Comment by Joe Lee — May 4, 2012 @ 10:42 am
[...] Polyamorie? Vielweiberei? – Eine Klarstellung zur Familienpolitik der Piraten Polyamorie? Vielweiberei? – Eine Klarstellung zur Familienpolitik der Piraten: [...]
Pingback by die ennomane » Blog Archive » Links der Woche — May 6, 2012 @ 12:01 pm
Wie soll die Umsetzung aussehen?
Noch mehr Regeln und Gesetze oder vielleicht doch mal eine grundlegende Bereinigung?
Mit reformierten Grüßen,
yt
Comment by yt — May 7, 2012 @ 5:46 pm
Ich finde, man sollte das Steuerrecht erst einmal entschlacken. Das Ehegattensplitting ist doch mehr als out und überhaupt nicht mehr zeitgemäß, weil dadurch die Männer der Frauen, die voll arbeiten, schlechter gestellt werden als diejenigen von Frauen, welche zu Hause bleiben. Es diskriminiert die berufstätigen Frauen und gehört abgeschafft.
Gleiches gilt in der Krankenversicherung. Wenn beide arbeiten mit einem Einkommen bis zur Bemessungsgrenze, zahlen beide bis zur Beitragsbemessungsgrenze Beiträge. Arbeitet nur einer und verdient allein soviel, wie die beiden anderen zusammen, zahlt er auch nur bis zur Beitragsbemessungsgrenze Beiträge, ggf. also weniger, als die anderen Ehepartner, weil sein Partner beitragsfrei mitversichert ist. Mit Gerechtigkeit hat das nichts zu tun. Das eine Paar hat bei gleichem Paareinkommen netto mehr als das andere, obwohl dort beide arbeiten (müssen). Auch das gehört geändert.
Die dritte notwendige Änderung betrifft das Erbschaftsrecht. Die steuerliche Unterscheidung nach dem Grad der Verwandschaft ist nicht mehr zeitgemäß. Durch die Arbeitsplatzmobilität wurden die Familien auseinandergerissen, so dass zukünftig immer mehr alte Leute von entfernten Verwandten oder sogar “Fremden” betreut und gepflegt werden. Die sollten in der steuerlichen Behandlung eines Erbes den Kindern gleichgestellt werden. Deshalb: Weg mit der Unterscheidung, einen Steuersatz für alle und gleiche Freibeträge für alle.
Wer Kinder betreut und groß zieht, sollte dafür mehr gefördert werden. Das fängt schon damit an, dass die dafür erbrachte Leistung gesellschaftlich gewürdigt wird z.B. dadurch, dass alle, die Kinder haben, für 18 Jahre 1,0 Rentenwertpunkte (oder wie auch immer das heißt) erhalten, ohne dass dieses auf die Beitragsbemessungsgrenze angerechnet wird. Momentan sind alle benachteiligt, welche Kinder haben und arbeiten gehen, weil ihre erarbeiteten Rentenpunkte bei der Rentenberechnung gekürzt werden. Es trifft besonders Alleinerziehende.
Comment by innofee — May 7, 2012 @ 6:14 pm
Ich weiß nicht, ob das so sinnvoll ist. Jenseits aller Liebesromantik ist die Ehe letztlich nichts anderes als ein typisierter Vertrag über eine Lebens- und Einstehensgemeinschaft. Da wird der Unterhalt geregelt, die Haftung füreinander, die Aufteilung des Hausrats, gewisse Vollmachten für den Fall von Krankheit und Tod, das Erbe und vieles mehr. Die Rechte und Pflichten werden so geregelt, dass es auf viele Menschen passt. Das vereinfacht die Sache sehr, schränkt aber auch die Möglichkeiten ein. Wer will, braucht nur zum Standesbeamten zu gehen, ja zu sagen und schon hat er sein Zusammenleben umfassend geregelt, ohne eine Vielzahl von einzelnen Entscheidungen treffen zu müssen.
Diese Vereinfachungsfunktion klappt aber nur für den Standardfall einer Zweierbeziehung (die meiner Ansicht nach nicht zwangsläufig gemischtgeschlechtlich sein muss) einigermaßen gut. Alles was komplizierter ist, muss fast zwangsläufig für den Einzelfall geregelt werden. Für eine multinationale, polyamore Gruppenbeziehung mit mehreren Kindern in unterschiedlichen Verwandtschaftsverhältnissen passt das Konzept Ehe einfach nicht.
Es ist aber schon heute möglich, bis zur Grenze der Sittenwidrigkeit hin jegliche Konstellationen einzelvertraglich zu regeln. Man kann sich zu Unterhalt verpflichten, man kann Betreuungs- und Vorsorgevollmachten erteilen, man kann Gesellschaften gründen, man kann sein Testament entsprechend verfassen.
Bleibt im wesentlichen noch die Bindung an die “normalen” Verwandtschaftsverhältnisse sowie gewisse steuerliche Privilegierungen. Darüber kann man gerne diskutieren – braucht aber auch ein ausgegorenes Konzept
Comment by Pascal — May 7, 2012 @ 6:21 pm
Es gibt meiner Meinung nach keinen Grund, warum eine Familie, die einer bestimmten traditionell festgelegten Norm entspricht, finanziell gegenüber einer anderen, die dies nicht tut, bevorzugt werden sollte. Jeder Mensch sollte frei über seine Lebensweisen entscheiden können, ohne das ein Konzept durch steuerliche Nachteile “bestraft” und ein anderes durch Vorteile “belohnt” wird. Heute gibt es viele Menschen, die, wie z.B. innofee schon angesprochen hat, einfach nicht in diese Schubladen passen. Ich bin glücklich, dass ich im Programm der Piraten diese Ziele lesen darf und unterstütze sie von ganzem Herzen!
Comment by Laura W. — May 7, 2012 @ 8:23 pm
Ich bin selber polyamor orientiert und freue mich sehr über die Akzeptanz vielfältiger Lebensformen bei den Piraten. Ich persönlich finde, dass die Werte von Offenheit, Ehrlichkeit, Vielfalt, Toleranz, Eigenverantwortung und Respekt voreinander sehr viel mit piratischen Werten zu tun haben.
Jemand schrieb, Polyamorie sei ein Minderheitenthema. Nun, in der einen oder anderen Form hat ein nicht ganz kleiner Teil der Bevölkerung damit Berührung. Man muss es ja nicht so machen, aber es ist doch für alle eine größere Freiheit, zusätzliche Optionen zu haben. Ein Teil dieses Korbs von Möglichkeiten sind zum Beispiel die Mehrgenerationenhäuser, und da gibt es sicher noch viel mehr.
Und außerdem möchte ich bewußt machen, dass das traditionelle Familienmodell sehr ausschließend ist. Es schließt zum Beispiel alle die Menschen aus, die alleinerziehend sind oder in Patchwork-Familien leben. Es paßt nicht auf Frauen und Männer, die materiell selbstbestimmt leben wollen. Es paßt nicht auf Menschen die gern Kinder hätten aber keine kriegen können. Die materiellen und organisatorischen Regelungen der Gesellschaft sind zu fast hundert Prozent auf traditionelle Paarbeziehungen zugeschnitten, doch ein immer kleinerer Teil der Familien entspricht diesem Bild. Das ist schlimm, denn gerade Alleinerziehende brauchen Unterstützung und eine Verortung. Andererseits bringt es oft viel Unglück wenn Menschen sich gegenseitig in traditionelle Beziehungen hineinzwängen, um ihre Familienträume zu realisieren.
http://beyondmarriage.org/
Comment by Zafolo — May 7, 2012 @ 11:07 pm
Ich finde, dass die Steuervergünstigungen der Ehe abgeschafft bzw. an das Großziehen von Kindern gekoppelt werden sollte. Was bringt es denn, eine “normale” Hetero-Ehe besser zu stellen, die keine Kinder erzeugt. Das ist steuerlich gesehen genau der selbe Unsinn, nur kritisiert das irgendwie niemand.
Comment by Ben — May 8, 2012 @ 11:25 am
Eine hervorragende Ausarbeitung, die ich genauso auch befürworte. Keine Kritik und nichts hinzuzufügen!
Comment by Stefan Heidrich — May 8, 2012 @ 11:55 am
Dieser Entwurf ist eine Wohltat für islamische “Großfamilien”… sehr schön. Endlich dürfen diese Übermachos ihren Wahn legal ausleben…
Denkt ihr auch mal nach??? Die armen Frauen…
Comment by Andi108 — May 8, 2012 @ 12:22 pm
jungs, was ist das eine übungsaufgabe für anfänger in aristotelischer logik? if polyamourous = marriage, then polygamie = marriage. unter anderem. wenn eine frau 5 lebenspartner hat und die alle gleichberechtigt für sie sorgen wollen, dann hätten wir doch plygamie, oder?? kann man nicht entsprechende vollmachten erteilen? patientenverfügugn und ähnliches? WARUM sollte da handlungsbedarf bestehen? irgendwie kommt es mir so vor als wolltet ihr den staat ausweiden und nur noch eine technische hülle zurücklassen, die in der hauptsaceh “funktioniert”. nun meine name deutet wohl deutlich an das ich zum beispiel mit ostern nix am hut habe, aber die osterthematik kann ich gut nachvollziehen. viele biogermanen mögen ihre feste, warum ist es also der gesamtheit der deutschen jugend nicht zuzumuten mal 1 oder zwei tage besinnlich in sich gekehrt zu verbringen, wenn die anderen 360 tage im jahr perfekt sind um sich die kannte zu geben? etwas mehr augenmass bitte und weniger die unruhestiftende brechstange….
Comment by hassan — May 8, 2012 @ 1:00 pm
Ich würde im Gegenteil (besonders die steuerlichen und versicherungstechnischen) Vorteile der Ehe gegenüber anderen Lebenspartnerschaften abschaffen. Ich bin seit langer Zeit mit meinem Partner zusammen, habe dabei (wenn ich demnächst zwischen Studium und Referendariat eine kurze Phase der Arbeitslosigkeit haben werde) kein Anrecht auf Hartz IV, kein Anrecht auf Familienversicherung, kein Anrecht auf Vorteile bei der Seminarzuteilung und während des Referendariats kein Anrecht auf die 116€, die Ehepartnern zusätzlich zustehen. All das nur, weil wir uns nicht vor einem Standesbeamten das Ja-Wort gegeben haben. Personen, die viel kürzer als wir zusammen sind, aber geheiratet haben, haben all diese Vorteile.
Ich neide es den Individuen nicht, sehe aber die Begründung für all diese Vorteile nicht. Für Familien mit Kindern, klar. Aber für Leute mit Ehering? Wozu? Wozu mehr Vorteile für andere Partnerschaften fordern, anstatt weniger Vorteile für die Institution Ehe zu fordern? Mit welchem Recht ist denn so eine Ehe überhaupt privilegiert? (Ich betone: Familien (mit Kindern) sollen auch meiner Meinung nach Privilegien haben.)
Comment by Ellen — May 8, 2012 @ 1:47 pm
Ich finde diese POsition großartig!
Genau diese Idee – eine “Verantwortungsgemeinschaft” haben die Jungen Liberalen vor zwei Jahren in ihrem Grundsatzprogramm beschlossen und in einem Antrag konkretisiert und diese Position hat die FDP bei ihrem letzten Bundesparteitag in Karlsruhe in ihr neues Grundsatzprogramm geschrieben (http://www.fdp.de/files/565/Freiheitsthesen_vorlaeufige_Fassung.pdf).
Unabhängig von anderen inhaltlichen Differenzen rufe ich euch, beide Partzeien, die FDP und die Piraten, für diese POsition und damit für mehr gesellschaftliche Offenheit, GEMEINSAM zu kämpfen.
Revolutionäre Ideen lassen sich gemeinschaftlich besser vertreten.
Viel Glück!!!
Comment by M — May 8, 2012 @ 3:42 pm
Gutes Statement.
Wer behauptet, die Familie wäre der Kern der Gesellschaft (Nicht wahr, “M Punkt”?) lebt noch im letzten Jahrtausend.
Auch wer anführt, dass asexuelle und polyamore wohl eher selten sind, dem muss ich entgegnen – ein Grund mehr sich dafür einzusetzen, dass sie die gleichen Rechte erhalten. Minderheiten müssen geschützt und rechtlich gestärkt werden, solange sie die Gemeinschaft nicht bedrohen (wovon man bei diesen beiden nicht ausgehen muss).
“Gleiches Recht für alle” ist für mich sehr wählbar.
Comment by WarChicken — May 8, 2012 @ 6:54 pm
@wbiebel:
Piratenpartei Österreich -> http://www.piratenpartei.at/
Nun geh wählen.
Comment by Micha — May 9, 2012 @ 9:42 am
“Unsere Gesellschaft ist im Wandel, wir haben einen Pflegenotstand und rückläufige Geburtenzahlen, außerdem gibt es noch die Überalterung. Die Probleme, die in den nächsten Jahrzehnten auf uns zukommen, sind mit Klagen über den Untergang der Großfamilie und dem Ruf nach dem tradierten Vater-Mutter-Kinder-Schema nicht zu lösen. Beides sind durchaus valide Modelle, aber sie sind nicht mehr allgemeingültig und funktionieren nicht für jeden.”
Wie sind die Probleme dann zu lösen? Wenn Sie jetzt noch eine Antwort darauf hätten, wär’s ein wertvoller Beitrag…
Comment by Pe — May 9, 2012 @ 12:00 pm
@WarChicken
Bitte genau lesen: Die Einstellung “die Familie wäre der Kern der Gesellschaft” war die Einstellung, die der Parlamentarische Rat ins Grundgesetz eigebaut hat.
Es mag heute Alternativen dazu geben, für die es zahlreiche Argumente gibt, aber genau wie Gleichheit der Geschlechter vor dem Gesetz und Versammlungsfreiheit wurde die “klassische Familie” als elementar für unsere Gesellschaft angesehen und so festgeschrieben, dass sie nicht geändert werden kann.
Ich habe in meinem Kommentar oben eine relativ objektive Argumentation ausgeführt (sofern man bei Gesetzesinterpretationen von Objektivität sprechen kann – das typische Juristenproblem), und nicht erklärt, wie zeitgemäß und kompatibel mit den aktuellen Vorstellungen vieler dieses Gesellschaftsbild ist.
Comment by M Punkt — May 11, 2012 @ 11:06 pm
“Wer die Großfamilie herbeisehnt, sollte sich gleich auch mit den Zuständen bis zum frühen 20. Jahrhundert anfreunden, denn beide sind untrennbar miteinander verbunden.”
Mädel dank nochmal über diesen Satz nach , das tut ja richtig weh. Hint: Setze mal deine europäische Brille ab und schaue dich in der Welt und in der Geschichte um..
Comment by xmalPi — September 22, 2012 @ 9:29 am
@xmalPi: Jungchen, quatsch mich nicht von der Seite an, ja?
Ansonsten: Ich spreche über die Genderpolitik der Piratenpartei Deutschland, deren Programmatik sich vor allem auf die Verhältnisse in diesem Land stützt. Sollte eigentlich klar sein.
Comment by admin — September 22, 2012 @ 10:25 am