Piraten-Jinx

April 20, 2012

Einzelfälle, bedauerliche?

Filed under: Uncategorized — admin @ 12:48 pm

Marina Weisband hat ihren Unmut kundgetan über die Schar der bedauerlichen Einzelfälle in unserer Partei, in der einige Mitglieder glauben, sich unter dem Schutzmantel der Meinungsfreiheit alles erlauben zu können, und natürlich auch über Michel Friedmann, der als Moderator ungefähr so geeignet ist wie Kristina Schöder als Ministerin  für Frauen- und Familienangelegenheiten (nur dass die Dame sich mehr im Griff hat), und sie hat recht. Außerdem existiert ein Blog, das die Entgleisungen der “bedauerlichen Einzelfälle” genau dokumentiert. Man mag es virtuellen Pranger nennen, ich finde es richtig.

Das Problem ist, dass jeder sich berufen fühlt, sich zum Judentum, seinen Angehörigen und gleich noch Israel dazu äußern zu müssen. Dieser Drang zur unqualifizierter Verbalentleerung macht deutlich, dass nicht jeder Pilz, der in der Schule den Holocaust und die Staatsgründung Israels in ein paar Doppelstunden durchgenommen hat, auch geeignet ist,  zu dem Thema etwas zu sagen. Und nein, auch der meist obligatorische Besuch einer KZ-Gedenkstätte mit der Schulklasse reicht als Qualifikation nicht aus.

Die Tragik des modernen Judentums ist, dass es vor allem in Deutschland auf den Holocaust reduziert wird, so wird es in den Schulen vermittelt, bis die Jugendlichen es nicht mehr hören können und eine Übersättigung eintritt. Das ist nun nicht der Fehler des Judentums sondern derer, die diese Inhalte vermitteln; auch sie verfügen meist nur über ein eingeschränktes Bild dieser enorm vielfältigen und facettenreichen Kultur, die viel älter ist als unsere und die weit über die Grenzen dessen hinausgeht, was wir unter “Nationalkultur” verstehen.

Mit Israel ist es dasselbe. Es macht ja nichts, dass nicht jeder Jude Israeli und nicht jeder Israeli Jude ist, dass die kurze Geschichte dieses Staates, dessen Territorium in etwa so groß ist wie das Bundesland Hessen, so komplex ist, dass Bücher zu diesem Thema ganze Bibliotheken füllen. Dabei offenbart sich eine Denkweise der ganz schlichten Art und unbelastet von jeglicher Kenntnis, nämlich den Konflikt auf die Juden als Schuldige zu reduzieren, was sachlich schlicht nicht richtig ist, ungeachtet eventueller Sympa- oder Antipathien.

Es ist mir unbegreiflich, dass jeder meint, sich zu diesem Thema äußern zu müssen. Beim Thema Afghanistan, Gesundheitswesen oder Euro-Krise hört man von Piraten, dass wir da keine abgestimmte Parteimeinung und überdies (noch) nicht genügend Ahnung haben. Aber beim Thema Juden und Holocaust, da ist die Meinung dann da und wird unreflektiert und unbelastet von Sachkenntnis  hinaus in die Welt geplärrt. Als wäre das nicht schon arg genug, fehlt auch noch die nötige Empathie: Der fabrikmäßigen Vernichtung von Menschen folgt die Entmenschlichung des Holocausts in der öffentlichen Meinung, wie sie sonst eher nach dem x-ten Bier am Stammtisch geäußert wird. Herzlichen Glückwunsch.

Leute, die Piraten sind nicht Euer Stammtisch, und Twitter ist es auch nicht. Dass die, die sich unqualifiziert zum Thema äußern, damit eine in der Gesellschaft verankerte Meinung zum Besten geben, macht die Sache nicht besser. Immerhin sind die Piraten angetreten, um es besser zu machen. Dann fangt doch mal bei Euch selbst an.

Bedauerlich ist auch, dass selbst Amtsträger sich nicht zu schade sind, und gerade sie sind in der Verantwortung, denn ihnen sollte bewusst sein, dass sie als solche wahrgenommen werden. Als Mitglieder haben wir alle den Anspruch, dass sich unsere Amts- und Funktionsträger sensiblen Themen auch mit der nötigen Sensibilität widmen, und wem das nicht gegeben ist, der sollte sich von Ämtern und Funktionen fernhalten. Das heißt nicht, dass wir daherkommen sollen wie die FDP in Jeans und Kapuzenpulli, und auf diese Themen mit Allgemeinplätzen und Worthülsen reagieren müssen. Aber wir sollten wissen, wann es Zeit ist, die Kresse zu halten, nämlich dann, wenn wir so gar keine Ahnung haben. Und vom Judentum, dem Holocaust als Gesamtproblematik und Israel haben die meisten Piraten nun mal keine, ebenso wenig wie der größte Teil der deutschen Bevölkerung.

Die Themenkomplexe Judentum, Holocaust und Israel haben eine differenzierte Betrachtungsweise verdient, die frei von Betroffenheitsgymnastik ist, aber auch frei von den undifferenzierten Meinungsäußerungen, wie sie verstärkt durchs Netz wabern.

Wer den Holocaust leugnet oder relativiert, den Juden eine Teilschuld daran zuspricht, sich über die (übrigens nicht existierende) Kollektivschuld beschwert oder ähnliche Absurditäten von sich gibt, ist letztendlich nur zu feige, sich ein paar unangenehmen Wahrheiten über die eigene Geschichte zu stellen. Da hilft unser Allheilmittel gegen die Übel der Welt tatsächlich: nämlich Bildung und Information. Wem das zu mühsam ist und wer daher auf seinem Standpunkt beharrt, der hat ein Problem, dessen Lösung eher außerparteilich zu suchen wäre. Das gilt übrigens auch für unkontrollierten Rededrang zu Themen, von denen man keine Ahnung hat und natürlich auch für einen völlig inakzeptablen Umgang mit weiblichen Parteimitgliedern.

Die Autorin dieses Beitrags ist nicht nur von den bedauerlichen Einzelfällen extrem angekotzt, sondern auch Judaistin.

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2 Comments »

  1. Huhu Jinx, ich finde deine Argumentation, dass man nicht einfach eine völlig unqualifizierte Meinung in die Welt plärren muss, genau das Richtige an dieser Stelle. Mir ist das bei einigen Piraten schon aufgefallen, dass sie, neben vielleicht 1-2 Fachgebieten, wo sie sich auch gut auskennen, manchmal einfach eine politische Äusserung tun, obwohl es offensichtlich und eklatant an politischer Allgemeinbildung zum Thema fehlt. Neulich beim Thema Feminismus fiel’s mir auf, da wussten einige PiratenparteigängerInnen meines bescheidenen Bekanntenkreises was dazu zu sagen, hatten aber eigentlich keine Ahnung, was Feminismus eigentlich ist und was er bezweckt, deshalb existierten völlig falsche Bilder vom Feminismus bei diesen Personen und man musste ihnen letztendlich ein anderes Wort vorschlagen (Equalismus), weil sie nicht in der Lage waren, sich einfach über die tatsächliche Bedeutung des von ihnen so abgelehnten Begriffs “Feminismus” zu informieren.. Eigentlich kann ich eh nur wiederholen was du geschrieben hast. So denke ich auch, daß, wer in die Politik geht, sich schon aus beruflichen Gründen ein wenig politische Bildung draufschaffen sollte zu den Themen, die er/sie kommentieren möchte. Da kann ich dir nur sowas von zustimmen. Und die Worte, in die du deine Argumentation gekleidet hast – hahaha, toll geschrieben. Spitze Feder.. find ich gut.

    Comment by Distelfliege — April 20, 2012 @ 8:20 pm

  2. [...] Einzelfälle, bedauerliche? Einzelfälle, bedauerliche?: [...]

    Pingback by die ennomane » Blog Archive » Links der Woche — April 29, 2012 @ 12:00 pm

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