Hamburg hat entschieden, es wird keine sechsstufige Primarschule geben. Dies ist der Tenor der Nachrichten und das, was in den Köpfen der Bewohner dieses Landes hängenbleiben wird. Richtiger ist jedoch, dass ein Teil der Hamburger über die zukünfigte Gestaltung der ersten Schuljahre bestimmt hat. Wer sich die Grafik zur Stimmverteilung ansieht, wird feststellen, dass die Wahlbeteiligung in Gegenden mit – nennen wir es gutsituierten – Bewohnern hoch ausfiel, während sie in den sogenannten Problemvierteln gering blieb. Dies ist bedauerlich, ändert jedoch nichts an der Gültigkeit des Ergebnisses. Eine Volksabstimmung ist gültig und bindend, auch wenn einem selbst oder der eigenen Partei das Ergebnis nicht gefällt. Natürlich ist die Mehrheit der Hamburger Piraten enttäuscht, haben sie doch eine Abstimmungsempfehlung zugunsten der Primarschule gegeben. Für mich, die ich sehr in diesen Prozess involviert war, war es eine lehrreiche Zeit. Und das vor allem zum Thema “Chancen und wie man sie vertut”. Wäre ich an Schmutzcampagnen auch nur im mindesten interessiert, hätte ich auch viel lernen können.
Während meiner Recherche hatte ich die Gelegenheit, mit offiziellen Vertretern beider Seiten zu sprechen und mir mein ganz eigenes Bild zu machen. Die Gespräche verliefen konstruktiv und durchaus positiv, ja, auch und gerade mit den Vertretern des Vereins Wir wollen lernen und namentlich mit Dr. Scheuerl. Dies stand im Gegensatz zu den öffentlichen Campagnen besonders der in Vereinen organisierten Befürworter. Monatelang stand gezielte Desinformation im Vordergrund; wüste Szenarien wurden präsentiert, sollte die Entscheidung gegen die Primarschule ausfallen, und die Medien – allen voran die Presse – stieg dankbar darauf ein. Dass auch in dem Fall, der nun eingetreten ist, gravierende Änderungen am Schulsystem vorgenommen werden, allen voran die Abschaffung von Haupt- und Realschulen zugunsten einer Stadtteilschule mit der Möglichkeit, das Abitur zu erwerben, wurde wenig vornehm verschwiegen, schadete es doch dem Anliegen. Dies änderte sich erst in den letzten Wochen, als die Berichterstattung ausgewogener und realitätsnäher wurde.
Die Hamburger Regierenden, ausgestattet mit einem bombastischen Budget, verpulverten dies für bunte Plakate mit wenig Text und noch weniger Aussage oder für Hochglanzbroschüren und versäumten, ihre potentiellen Unterstützer, also die, deren Kinder von einem längeren gemeinsamen Lernen besonders profitieren würden, gezielt zu informieren und zu aktivieren. Hier hat sich gezeigt, dass “bunt und laut” nicht reicht, oder höchstens, um die, die wirklich informieren wollen, unsichtbar werden zu lassen. Wer tagtäglich mit ganz realen, existenzbedrohenden Schreckensmeldungen aus dem Hause Bundesregierung konfrontiert oder von Regierenden persönlich beleidigt wird (”spätrömische Dekadenz”), hört eben nicht mehr hin, wenn die Lokalfürsten das Ragnarök der Hamburger Schüler beschwören.
Nicht vergessen darf man auch, dass Einwohner Hamburgs, die nicht die deutsche Staatsbürgerschaft besitzen, gemäß § 6 des Bürgerschaftswahlgesetzes überhaupt nicht abstimmen durften, obwohl Thema und Ergebnis sie unmittelbar betrifft. Dies ist in der heutigen Zeit, in der selbst konservative Kreise sich langsam an die Tatsache gewöhnen, dass wir sehr wohl ein Einwanderungsland sind, auch wenn wir das natürlich nicht zugeben, ein Anachronismus, der zu überdenken wäre. EU-Bürger genießen mittlerweile seit Jahrzehnten das Wahlrecht auf kommunaler Ebene, und eine Gesetzesänderung, nach der Einwohner Hamburgs ohne deutsche Staatsbürgerschaft an Volksabstimmungen teilnehmen dürfen, wäre überfällig. Schließlich finanzieren auch sie die Wasserwerke und Krankenhäuser, die verkauft werden, und auch sie müssen ihre Kinder Hamburger Schulen besuchen lassen, meist ohne die Option, auf eine Privatschule ausweichen zu können, wenn ihnen das Schulsystem nicht gefällt.
Für die Hamburger Piraten bedeutet dies, verstärkt an einem eigenen Entwurf für ein gerechtes, der heutigen Zeit angepassten Schulsystem zu arbeiten, ohne sich von teilweise bizarren Ausfällen von Gegnern und Befürwortern irritieren zu lassen (seine Unterstützer kann man sich leider nicht aussuchen, das dürften alle Beteiligten gelernt haben). Wir gehen jedenfalls in Hamburg spannenden Zeiten entgegen, nun landesvaterlos und ohne Schulfrieden, dafür mit einem CDU-Hardliner und einer beleidigten GAL. Sollte Innensenator Ahlhaus, der den Einsatz der Bundeswehr im Inneren für eine realistische Option hält, es tatsächlich zum regierenden Bürgermeister bringen, werden die PIRATEN ohnehin alle Hände voll zu tun haben.


Super Text, ausgewogen und informativ. Einen krassen Fail sehe ich aber gegen Ende:
Anstelle sich in die Reihen der etablierten Parteien einzustellen, sollten die Piraten nicht YASE (Yet another Schulsystem Entwurf) machen, sondern sich darum kümmern, dass die Probleme, die das existierende Schulsystem hat, schonungslos angeprangert und abgestellt werden, das ist zuallererst die fehlende Durchlässigkeit (besonders in den Klassen 5 und 6) zwischen den Schulsystemen.
Es gibt genug Konzepte, die die für Spätentwickler und Langsamstarter (Sprachprobleme, Migrationshintergrund) extrem wichtige Durchlässigkeit wesentlich verbessern würden und – dass scheint wegen der Akzeptanz besonders wichtig – die sich in den gymnasialen Klassen 5 und 6 nicht negativ bemerkbar machen würden.
Zwieter Punkt wäre da er Start von aussagekräftigen Evaluieungen, in den unteren Klassen und den Kassen 5/6 und 7/8, damit dir Wirkung der eingesetzten Maßnahmen zeitnah verfolgt werden kann. Wenn dann zu sehen ist, dass eine Reform immernoch nötig ist, könnte man das ohne Zeitdruck angehen und damit eine der Wenigen Schulreformen in Deutschland machen, die nicht für einige Schülergenerationen in ein völliges Chaos münden.
Gruß aus Niedersachsen
(Big) Arne Hattendorf
Comment by Big Arne — July 19, 2010 @ 11:33 am
Hallo Arne,
ich gebe Dir insofern recht, als man das Rad sicherlich nicht neu zu erfinden braucht. Aber die Reform, so weit sie jetzt umgesetzt wird, hat doch einige Schwächen, die vor allem in den zahlreichen Kompromissen resultieren, die eingegangen werden mussten, damit man überhaupt etwas ändern kann. Insofern wären schon gravierende Korrekturen notwendig. Wie man das dann nennt, ist eigentlich egal.
Comment by admin — July 19, 2010 @ 1:36 pm
Was mir an Deinem Text nicht gefällt, sind mehrere unterschwellige Themen. Einmal dieses “gutsituierte”. Vor dem Gesetz hat jeder Wähler eine Stimme. Egal ober Mercedes fährt oder sich nichtmal einen Busfahrschein leisten kann. Das ist gut so. Jetzt wurden alle gefragt, viele sind hingegangen, andere nicht. Wenn sich nun erkennen lässt, dass Leute höherer Einkommensschichten eher zur Wahl gehen als Leute niederer, dann ist das nicht gut, lässt aber das Ergebnis weder in einem besseren noch schlechteren Licht erscheinen. Es wurde gewählt – entschieden – Ende.
Auch bringt es meiner Meinung nach nichts, dies mit dem Ausländerwahlrecht zu verknpüfen. Sorry, ich wohne selber im Ausland, hier wird abgestimmt und gewählt, teils betrifft es mich direkt und ich werde nicht gefragt. Auch dies ist primär das Risiko, wenn man im Ausland lebt. Mir war klar, dass ich hier bei vielen Entscheiden übergangen werde. Genauso klar dürfte dies den Einwanderern in Deutschland sein.
Bei dieser Abstimmung sehe ich das positive: das Volk konnte bei einem zentralen Thema direkt mitbestimmen. Das gilt es zu würden – mit dem Ergebnis müssen alle Parteien nun umgehen lernen. Und eben nicht anfangen mit hätte, sollte, wäre, wie auch immer.
Comment by Rheinhold — July 19, 2010 @ 1:48 pm
@Rheinhold: Dass die Abstimmung gültig ist, ist unbestreitbar und in jedem Fall zu akzeptieren. Dass nicht jeder von seinem Stimmrecht Gebrauch macht, ist dabei ebenso hinzunehmen. Doch die Stimmverteilung ist auffällig (ohne dass das etwas an der Legitimität der Abstimmung und ihres Ergebnisses ändert), und da werden Überlegungen, wieso das so ist, erlaubt sein. Für die Befürworter gilt ganz klar: Die Zielgruppe saß vor allem in den Gegenden mit eher geringer Beteiligung, und man muss sich fragen, warum die Leute dort nicht erreicht wurden.
Wie es im Ausland ist, ist mir ziemlich egal, ich kümmere mich darum, wie man das Leben hier vor Ort gestaltet. Es ist meine persönliche Meinung, dass Bewohner Hamburgs hier bei Volksentscheiden mitmachen sollten, unabhängig von ihrer Staatsbürgerschaft, und die vertrete ich auch in meinem eigenen Blog.
Comment by admin — July 19, 2010 @ 2:38 pm
Irgendwo verstehe ich, als ehemaliger Gymnasiast aus NRW die ganze Aufregung über die Permeabilität des Schulsystems nicht. Von damaligen Klassenkameraden weiss ich, dass es ohne Probleme möglich war von der Hauptschule auf die Realschule zu wechseln bzw. von der Realschule auf Gesamtschule oder sogar auf ein Gymnasium. Dies ging wenn eine entsprechende Leistung oder Bildungsempfehlung vorlag. Soweit ich mich erinnere wurden solche Wechsel in der 6. Klasse, in der 8. Klasse, in der 10. Klasse und sogar nochmal in der gymnasialen Oberstufe (zumindest in NRW) ermöglicht.
Ist das in HH so anders?
Andererseits: Ich bin weiterhin mit einem Schulsystem vertaut (Spanien), welches der zur Wahl gestellten Alternative stark ähnelt: Es ist nicht alles Gold was glänzt… und die Schule vermittelt generell weniger Bildung, Intelligenz und Wissen als so manche Eltern sich das wünschen, egal wie lange die “Primarschule” geht und egal ob die Klassen kleiner sind.
Die grosse Gleichmacherei führt vor allem zu einem: (Unter-) Durchschnittlichkeit. Das “Experiment” Gesamtschule in NRW hat dies bereits vor Jahren bewiesen. Es werden weder die schwachen Schüler bedeutend besser noch werden die starken Schüler besser gefördert. Nur der Durchschnitt wird leicht angehoben, aber die “Spitzen” schneidet man gleich mit ab.
Comment by Rafael — July 20, 2010 @ 12:41 am
Hallo Rafael,
es gibt hier durchaus Schüler, die es von einer Haupt- oder Realschule auf die nächsthöhere schaffen, aber die Durchlässigkeit ist nicht in dem Maße gegeben, wie sie wünschenswert wäre. Das ist aber nicht das Hauptproblem am bisherigen System von Haupt- und Realschule: Es geht eher um die Schüler, die auf einer Hauptschule verwahrt werden, ohne jemals das Leistungsniveau zu erreichen, das notwendig wäre, um einen Schulwechsel überhaupt nur träumen zu lassen. Hamburg hat momentan ca. 3000 Schüler pro Jahr, die die Schule (meist die Hauptschule) ohne Abschluss verlassen.
Viele Grüße
Anne
Comment by admin — July 22, 2010 @ 1:24 am