Ich habe mich ja in der neu gegründeten Piratinnen-Mailingliste eingetragen, weil ich aus erster Hand und abseits von Kommentaren Außenstehender erfahren wollte, was nun eigentlich los ist. Ich gebe freimütig zu, dass das Problem, sich als Frau in der Piratenpartei unterdrückt, nicht oder falsch wahrgenommen oder nicht ernst genug genommen zu werden, nie meins war oder ist, aber dass ich ein Problem nicht kenne, bedeutet ja nicht, dass es nicht da ist.
Es waren turbulente Zeiten mit Lena, den Piratinnen, den angeblichen Schutzräumen und der Liste, und für mich sind sie – Goth sei dank – vorbei. Es war schon anstrengend, diese unzähligen Wall of Texts zu lesen, diese endlosen Statements, Berichte, was weiß ich nicht alles – zu verfolgen. Ich bin nach all dem zu dem Schluss gekommen, dass die Piratenpartei vielleicht eine Genderdebatte braucht, aber nicht so, nicht auf diesem Wege und auch nicht mit diesen Argumenten. Ich habe mich wirklich bemüht, abseits der Bezeichnungsdebatte (ob man die Satzung in Piratinnen und Piraten, PiratInnen, Pirat_innen, Piratenwieundwasauchimmer ändern soll) eine allgemeine Problematik zu entdecken, die vertretungswürdig ist, und ich bin gescheitert.
Das soll nicht heißen, dass ich diese spezielle Debatte für sinnlos halte, denn wenn da ein Bedarf besteht (was offensichtlich der Fall ist), dann sind Männer nicht die geeignete Instanz, um die Bedürfnisse von Frauen zu definieren. Persönlich würde ich mir wünschen, dass Frauen, die dieses Anliegen vertreten, dies auf logische, sachliche Weise tun, und das, ohne sich lächerlich zu machen, wenn möglich. Hier wäre es interessant, herauszufinden, wie viele der weiblichen Parteimitglieder tatsächlich eine weibliche Bezeichnung wünschen – auch hier kann Liquid Feedback vielleicht gute Dienste leisten.
Natürlich gab es persönliche Berichte, die, wenn das Beschriebene so stattgefunden hat, wovon ich hier mal ausgehe, etwas beschreiben, was gar nicht geht, aber dies sind persönliche Probleme, die auch nur auf der persönlichen Ebene zu lösen sind, aber nicht durch Satzungsänderungen und ähnliches. Denn vor einzelnen Deppen und Ärschen schützt leider keine Satzungsänderung, denn die gibt es überall. Bei den Diskussionen fühlte ich mich in eine Gesellschaft versetzt, der ich nicht angehören möchte, da sie mir zu gestrig ist und nicht meiner Lebenswelt entspricht.
Nie war man – was das Geschlecht angeht – so flexibel wie heute. War in früheren Zeiten – bis weit ins 20. Jahrhundert hinein – das Geschlecht neben den biologischen Gegebenheiten vor allem durch von der Gesellschaft erwarteten Verhaltensweisen geprägt, die unmittelbar auf die weiblichen Lebensentwürfe einwirkten, so sind die Grenzen heute fließend geworden, und Frauen haben es leichter als Männer, diese veränderten Lebensentwürfe für sich zu entdecken und auszufüllen. Heute ist alles, was über die biologischen Merkmale herausragt, verhandelbar und individuell, auch abseits der sexuellen Orientierung. Bei den Piraten haben sich meiner Beobachtung nach viele Frauen eingefunden, die sich nicht durch die Gesellschaft, das Umfeld oder die Modebranche diktieren lassen wollen, wie “Weiblichkeit” auszusehen hat, sondern sie definieren sie für sich und weisen alle, die ihnen eine bestimmte Auffassung von Weiblichkeit aufzwängen wollen, zurück (übrigens wurde ich nie so sehr mit den Vorstellungen anderer, wie Weiblichkeit sich zu gestalten hätte, konfrontiert wie in sogenannten “feministischen” Kreisen). Bei den Piraten finden sie anscheinend genügend Offenheit für ihre Konzepte, zumindest entspricht das meiner Erfahrung.
Nicht nur mir stieß der PR-Coup der Initiatorin mittels einer irreführenden Pressemitteilung sauer auf, die dazu führte, dass nun alle Welt von den angeblich so frauenfeindlichen Piraten berichtet, während die wirklich wichtigen Dinge, die an den Piraten neu und aufregend sind, ihr Verständnis von Basisdemokratie und Politik von allen für alle, zu Unrecht in der Versenkung verschwinden. Zu diesem Thema gibt es einen sehr lesenswerten Artikel.
Leider übersieht die Presse, dass die Diskussionen nach dem ersten großen Aufriss eher flach dahindümpeln und eher als wort-, denn als inhaltsreich zu bezeichnen sind. Größtenteils finde ich die ganze Angelegenheit jedenfalls so flach, dass ich da nicht mal mehr lesende Teilnehmerin sein möchte. Für mich war es das jedenfalls mit diesen Piratinnen.


Danke!
Comment by Meike Martin — March 15, 2010 @ 1:03 pm
Ja, auch von mir. Danke!
Comment by Rubeus Schmidt — March 15, 2010 @ 3:06 pm
Seit ich damals die Piratenpartei kennenlernte, seit ich vor einem Jahr Pirat wurde, stellte sich mir nie die Frage nach dem Geschlecht.
Wenn ich Piraten sehe und mit ihnen Rede sind es Menschen die an ihrer Zukunft mitarbeiten wollen. Den Sinn darin mit alten “Werten” nach Geschlechter zu trennen sehe ich nicht. Kompetenz ist jedenfalls keine Frage des Geschlechts.
Wahrscheinlich bewege ich mich zu lange im geschlechtsneutralen Internet um mir Gedanken darüber zu machen welche körperlichen Gegebenheiten meine Mitmenschen haben. Es ist einfach nicht wichtig.
Comment by Christian — March 15, 2010 @ 3:11 pm
Ich bin seit ca einem Jahr Mitglied der Piratenpartei und ich wünsche keine Bezeichnung als “Piratin”.
Comment by sewerfairy — March 15, 2010 @ 5:19 pm
Jetzt musst Du mir nur noch erklären, warum es Frauen so viel leichter haben “diese veränderten Lebensentwürfe für sich zu entdecken und auszufüllen”. Weil sie die Doppel- und Dreifachbelastung einfach viel besser verkraften? Weil Frauen grundverschieden von Männern sind? Für mich klingt das Ganze jetzt so: Eigentlich brauchen wir keine Genderdebatte, weil Frauen nicht anders sind als Männer – insbesondere weil Frauen ja anders als Männer sind . Und das ist für mich ein absoluter Widerspruch. Ich sehe die Initiative der Piratinnen erst mal ganz am Anfang. Es sind gerade einmal zwei Wochen seit der Gründung vergangen. Da sind so manche andere AGs wie die AG2G länger dabei und für mich offensichtlich am Boden http://forum.piratenpartei.de/viewforum.php?f=195 – Die Piratinnen sind nur eine handvoll und so wie ich das sehe eben primär ein kleiner Zirkel engagierter Piratinnen, die sich auf die Art vernetzen. Und sie haben mehr Impulse gesetzt. Von mir aus schreib die Piratinnen jetzt schon ab. Ein wenig mehr Ruhe tut da sicher auch gut.
Comment by Ritinardo — March 15, 2010 @ 11:01 pm
Piraten sind Piraten sind Piraten – wen interessiert das Geschlecht? Die FLAGGE zählt
Comment by Piratenstatistiken — March 16, 2010 @ 3:05 am
@Ritinardo
Was fällt wohl leichter – Kochen und Hausarbeit auf den Eigenbedarf zu reduzieren oder das Ganze auf einmal selber machen zu müssen? Frauen werfen alte Plichten (aus dem sog. traditionellen Rollenverständnis) über Bord und Männer sehen sich auf einmal mit diesen Pflichten konfrontiert.
Generell halte ich die Art wie das ganze Piratinnen Ding gestartet wurde für völlig daneben und der Sache – Frauen in der Piratenpartei – nicht zweckdienlich. Der Ausschluss einer bestimmten Gruppe von Piraten von einer Mailingliste ist unabhängig vom Inhalt nicht mit dem Selbstverständnis der Piratenpartei vereinbar.
Comment by Zoor — March 16, 2010 @ 8:10 am
@Ritinardo: Ich habe die Erfahrungen gemacht, dass veränderte Lebensentwürfe von Frauen inzwischen von der Umwelt leichter akzeptiert werden als die von Männern. Z. B. Erziehungsurlaub: Nimmt eine Frau den, ist das ganz normal, nimmt ein Mann den, kommt es oft zu spöttischen Bemerkungen. Das gilt auch für andere Bereiche, und Ausnahmen bestätigen selbstverständlich die Regel.
@Zoor: Was ist denn daran schlecht, wenn Männer auch einen Teil der traditionellen Pflichten übernehmen? Wen interessiert denn “traditionell”?
Comment by admin — March 16, 2010 @ 11:08 am
@ Piraten-Jinx
Besten Dank auch von mir für zwei Stellungnahmen einer “Insiderin”.
Respekt an dieser Stelle an alle engagierten Frauen in der PP, die pragmatische Parteiarbeit an ihren Kernthemen an No.1 setzen und einen Nebenschauplatz als das erkennen, was er ist – auch wenn damit mal kurzfristig ne Welle ausgelöst wurde. btw @ Ritinardo: Von welchen “Impulsen” sprichst Du? Ich erkenne bisher lediglich nen Mords Wind um so gut wie nichts.
Als jemand, der über einen gewissen Zeitraum in der AG Männer aktiv war, auch mal Danke an diejenigen Piratenfrauen (z.B. @Kyra,@Miriam) die sich unvoreingenommen die Themen angesehen haben und sich hierfür – so manches Mal mehr als die Männers selbst – engagiert eingesetzt haben.
Wie mittlerweile bekannt ist, hat Lena von ihrem Landesvorstand wg. ihres Verhaltens eine Verwarnung erhalten – bleibt abzuwarten, ob und wie dies wieder medial ausgeschlachtet wird.
Ich diagnostiziere mal, dass es bei dem ganzen Wirbel letzendlich nur um eine winzigkleine Episode in der Entwicklung der PP handeln wird.
Comment by gobelin — March 16, 2010 @ 11:31 am
Grundlegende Missverständnisse über die Organisation der Piraten…
Grundlegenden Fehleinschätzungen über die Organisation der Piraten unterliegt auch das Author eines Artikels, das sich über einen Tweet echauffiert, in dem auf einen Blogartikel verlinkt wird, in dem eine Frau schreibt, wie sehr Lenas Bullshit (a.k.a. …
Trackback by freifunk@k:ita — March 16, 2010 @ 3:22 pm
Grundlegende Missverständnisse über die Organisation der Piraten…
Grundlegenden Fehleinschätzungen über die Organisation der Piraten unterliegt auch das Author eines Artikels, das sich über einen Tweet echauffiert, in dem auf einen Blogartikel verlinkt wird, in dem eine Frau schreibt, wie sehr Lenas Bullshit (a.k.a. …
Trackback by freifunk@k:ita — March 16, 2010 @ 3:22 pm
Quote: “[...] einige der wichtigsten Persönlichkeiten der deutschen Piraten sind Frauen – und werden durch diese Diskussion meines Erachtens nach schwachgeredet. [...]”
Bericht: Wer sind eigentlich “die Piratinnen”?
http://bit.ly/apcwNO
Comment by Cymaphore — March 18, 2010 @ 6:58 pm
[...] Folgend möchte ich noch auf etwas Lesestoff zu diesem Themenkomplex verweisen. Diskussionen rund um das Thema ‘Piratinnen’ mela.de, burks.de, andipopp.wordpress.com, sfricke.de, orkpiraten.de, blog.bejamin-stoecker.de, aggregat7.ath.cx, taz.de, chmidtlepp.tumblr.com, piratenfrau.net. [...]
Pingback by Der Pirat(inn)en Gender Fail « time for sheep(s) — April 8, 2010 @ 11:28 pm