Piraten-Jinx

February 17, 2010

Was soll Schule leisten?

Filed under: Hamburg, Inhaltliches, Schulreform — admin @ 6:21 am

In Hamburg kommt eine Schulreform auf uns zu, und vor dieser Reform kommt – falls kein Wunder geschieht – ein Volksentscheid über dieselbe. Die PIRATEN des Hamburger Landesverbandes haben entschieden, eine Abstimmungsempfehlung zu geben. Diese soll fundiert und überlegt geschehen, und zu diesem Zweck wurde die AG Schulreform gegründet, die ich koordinierte. Wir recherchieren ergebnisoffen und werden unsere Erkenntnisse so neutral wie es menschlichen Wesen möglich ist, auf einem Themenkongress präsentieren. Ich möchte auf unsere Recherchen an dieser Stelle noch nicht eingehen, da diese noch nicht abgeschlossen sind.

Beim heutigen Treffen der Hamburger PIRATEN wurden erste Zwischenergebnisse vorgestellt, und es entstand eine interessante Diskussion, in deren Verlauf die Frage gestellt wurde, was die Schule leisten soll. Eine Antwort war, dass sie Kinder nach vorne bringen soll.

Hört sich gut an, nur ist unklar, was “vorne” bedeutet. Ist man vorne, wenn man einen Luxusklasse-Wagen vor dem schmucken Eigenheim hat, selbst, wenn man abseits seiner beruflichen Qualifikation die geistige Dimension eines Stücks Toasts hat und ethisch so beschlagen ist, dass die Mitmenschheit einem lieber aus dem Weg geht, außer sie werden dafür bezahlt, sich in der Nähe aufzuhalten? Ist es eine umfassende Bildung? Soziale Kompatibilität, Denken und Handeln innerhalb der ethischen Werte unserer Gesellschaft? Wie wichtig ist Kreativität?

Eltern beantworten diese Fragen sehr unterschiedlich und Jugendliche werden meist überhaupt nicht gefragt, wie sie darüber denken. Eltern sind, was ihren eigenen Nachwuchs angeht, erstaunlich beratungsresistent. Das gilt nicht nur für die, die der Meinung sind, eine muntere Schar Hochbegabter und/oder Indigo-Kinder (je nach Anschauung) in die Welt gesetzt zu haben, und sich strikt weigern, auf die Hinweise der Lehrer einzugehen, die zu erklären versuchen, dass das Wunderkind in der dritten Klasse ein A nicht von einem X unterscheiden kann und außerdem seine Mitschüler prügelt. Es gilt auch, wenn das eigene Kind eigene Wünsche in Bezug auf Schultyp, Fächerauswahl, weitere Ausbildung zu Gehör bringt. Dies ist oft im Teenageralter der Fall, wird auf die wenigstens jetzt sehr praktische Pubertät geschoben und negiert, denn das renitente Gör hat ohnehin keine Ahnung. Das weiß ich aus eigener, leidvoller Erfahrung, obwohl ich intelligente, gebildete und verständnisvolle Eltern hatte bzw. habe, und nicht jedes Kind hat die Kraft, den Bürgerkrieg in der eigenen Wohnung anzuzetteln (den Krieg habe ich übrigens gewonnen – er dauerte etwa vier Jahre lang, und es hat nicht immer Spaß gemacht).

Eltern meinen es im günstigen Fall wirklich gut, nur ist gut gemeint nicht immer auch gut gemacht. Hinzu kommen gesellschaftliche Umbrüche, die eine Delegierung von Aufgaben an die Schule erzwangen, die früher eigentlich Aufgabe des Elternhauses war.

Die Politik neigt dazu, Eltern wieder in die Pflicht zu nehmen und negieren eben diese Umbrüche, die – wie immer man zu ihnen stehen mag – nicht umkehrbar sind. Das Bildungswesen darf die Augen nicht davor verschließen, dass es Eltern gibt, denen es egal ist, ob ihre Kinder in die Schule gehen und einen Abschluss erwerben, dass es Alleinerziehende gibt, die inklusive Arbeitsweg 12 Stunden aushäusig beschäftigt sind oder dass es Elternhäuser gibt, in denen Erziehungsberechtigte unserer Sprache so wenig mächtig sind, dass sie nicht verstehen, was von ihnen erwartet wird und dies  – bei allem guten Willen – nicht imstande sind zu leisten.

Die Frage, was die Schule leisten soll, wird meist mit der klangvollen Aussage beantwortet, dass sie “für das Leben fit machen soll”. Hört sich gut an, sagt gar nichts, und vor allem braucht ein Künstler eine andere Fitness als jemand, der in einem sozialen Beruf arbeitet, und die Fitness eines Bankdirektors oder Anwalts sieht anders aus als die eines zukünftigen Arbeitnehmers, für die der Arbeitsmarkt schlicht keine Arbeit mehr hat (jetzt nicht mit “wer arbeiten will, der kann auch arbeiten kommen, ich verweise auf das Verhältnis offener Stellen zu verfügbaren Arbeitskräften, und da berücksichte ich unsere exorbitante versteckte Arbeitslosigkeit großzügigerweise noch gar nicht).

Wenn ich nach genauem Nachdenken die Antwort auf obige Frage auf einen Satz herunterbrechen soll, dann bin ich nur zu einem Schluss gekommen, der mir sinnvoll erscheint: Schule soll ihre Schüler befähigen, die eigenen Möglichkeiten, Neigungen und Begabungen zu erkennen, diese fördern und die Wege aufzeigen, wie man zu einem Leben findet, das dem gemäß ist. Damit das funktioniert, braucht der Schüler eine Art gesunder Halbbildung, mehr ist angesichts des sich ständig mulitplizierenden Wissens ohnehin nicht mehr möglich. Wichtig ist, dass man lernt, wie man lernt, was man im Leben braucht, und das ist sehr unterschiedlich.

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1 Comment »

  1. “Wir recherchieren ergebnisoffen und werden unsere Erkenntnisse so neutral wie es menschlichen Wesen möglich ist, auf einem Themenkongress präsentieren.”

    Ja wie den sonst??

    Comment by Peter — March 5, 2010 @ 7:07 pm

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