Piraten-Jinx

July 19, 2010

Das Hamburger Nein zur Primarschule

Filed under: Bildung, Hamburg — admin @ 9:58 am

Hamburg hat entschieden, es wird keine sechsstufige Primarschule geben. Dies ist der Tenor der Nachrichten und das, was in den Köpfen der Bewohner dieses Landes hängenbleiben wird. Richtiger ist jedoch, dass ein Teil der Hamburger über die zukünfigte Gestaltung der ersten Schuljahre bestimmt hat. Wer sich die Grafik  zur Stimmverteilung ansieht, wird feststellen, dass die Wahlbeteiligung in Gegenden mit  – nennen wir es gutsituierten – Bewohnern hoch ausfiel, während sie in den sogenannten Problemvierteln gering blieb. Dies ist bedauerlich, ändert jedoch nichts an der Gültigkeit des Ergebnisses. Eine Volksabstimmung ist gültig und bindend, auch wenn einem selbst oder der eigenen Partei das Ergebnis nicht gefällt. Natürlich ist die Mehrheit der Hamburger Piraten enttäuscht, haben sie doch eine Abstimmungsempfehlung zugunsten der Primarschule gegeben. Für mich, die ich sehr in diesen Prozess involviert war, war es eine lehrreiche Zeit. Und das vor allem zum Thema “Chancen und wie man sie vertut”. Wäre ich an Schmutzcampagnen auch nur im mindesten interessiert, hätte ich auch viel lernen können.

Während meiner Recherche hatte ich die Gelegenheit, mit offiziellen Vertretern beider Seiten zu sprechen und mir mein ganz eigenes Bild zu machen. Die Gespräche verliefen konstruktiv und durchaus positiv, ja, auch und gerade mit den Vertretern des Vereins Wir wollen lernen und namentlich mit Dr. Scheuerl. Dies stand im Gegensatz zu den öffentlichen Campagnen besonders der in Vereinen organisierten Befürworter. Monatelang stand gezielte Desinformation im Vordergrund; wüste Szenarien wurden präsentiert, sollte die Entscheidung gegen die Primarschule ausfallen, und die Medien – allen voran die Presse – stieg dankbar darauf ein. Dass auch in dem Fall, der nun eingetreten ist, gravierende Änderungen am Schulsystem vorgenommen werden, allen voran die Abschaffung von Haupt- und Realschulen zugunsten einer Stadtteilschule mit der Möglichkeit, das Abitur zu erwerben, wurde wenig vornehm verschwiegen, schadete es doch dem Anliegen. Dies änderte sich erst in den letzten Wochen, als die Berichterstattung ausgewogener und realitätsnäher wurde.

Die Hamburger Regierenden, ausgestattet mit einem bombastischen Budget, verpulverten dies für bunte Plakate mit wenig Text und noch weniger Aussage oder für Hochglanzbroschüren und versäumten, ihre potentiellen Unterstützer, also die, deren Kinder von einem längeren gemeinsamen Lernen besonders profitieren würden,  gezielt zu informieren und zu aktivieren. Hier hat sich gezeigt, dass “bunt und laut” nicht reicht, oder höchstens, um die, die wirklich informieren wollen, unsichtbar werden zu lassen. Wer tagtäglich mit ganz realen, existenzbedrohenden Schreckensmeldungen aus dem Hause Bundesregierung konfrontiert oder von Regierenden persönlich beleidigt wird (”spätrömische Dekadenz”), hört eben nicht mehr hin, wenn die Lokalfürsten das Ragnarök der Hamburger Schüler beschwören.

Nicht vergessen darf man auch, dass Einwohner Hamburgs, die nicht die deutsche Staatsbürgerschaft besitzen, gemäß § 6 des Bürgerschaftswahlgesetzes überhaupt nicht abstimmen durften, obwohl Thema und Ergebnis sie unmittelbar betrifft. Dies ist in der heutigen Zeit, in der selbst konservative Kreise sich langsam an die Tatsache gewöhnen, dass wir sehr wohl ein Einwanderungsland sind, auch wenn wir das natürlich nicht zugeben, ein Anachronismus, der zu überdenken wäre. EU-Bürger genießen mittlerweile seit Jahrzehnten das Wahlrecht auf kommunaler Ebene, und eine Gesetzesänderung, nach der Einwohner Hamburgs ohne deutsche Staatsbürgerschaft an Volksabstimmungen teilnehmen dürfen, wäre überfällig. Schließlich finanzieren auch sie die Wasserwerke und Krankenhäuser, die verkauft werden, und auch sie müssen ihre Kinder Hamburger Schulen besuchen lassen, meist ohne die Option, auf eine Privatschule ausweichen zu können, wenn ihnen das Schulsystem nicht gefällt.

Für die Hamburger Piraten bedeutet dies, verstärkt an einem eigenen Entwurf für ein gerechtes, der heutigen Zeit angepassten Schulsystem zu arbeiten, ohne sich von teilweise bizarren Ausfällen von Gegnern und Befürwortern irritieren zu lassen (seine Unterstützer kann man sich leider nicht aussuchen, das dürften alle Beteiligten gelernt haben). Wir gehen jedenfalls in Hamburg spannenden Zeiten entgegen, nun landesvaterlos und ohne Schulfrieden, dafür mit einem CDU-Hardliner und einer beleidigten GAL. Sollte Innensenator Ahlhaus, der den Einsatz der Bundeswehr im Inneren für eine realistische Option hält, es tatsächlich zum regierenden Bürgermeister bringen, werden die PIRATEN ohnehin alle Hände voll zu tun haben.

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December 11, 2009

Aber sonst sind wir gesund: Staatshilfe für Zeitungen

Filed under: Bildung, Vollpfosten — admin @ 10:04 pm

Als ich auf Spiegel Online diesen Artikel las, fragte ich mich, ob Staatshilfen nun zur Standardoption für krisengeschüttelte Branchen werden sollen, sogar für die, die unabhängig von dem Ungemach der weltweiten Wirtschaftskrise in die Bredouille gerieten.

Die Krise der Zeitungen ist hausgemacht; ich bin sicher, dass in der Bevölkerung in dieser Zeit der gezielten massenmedialen Desinformation, in der jeder über Ehekrisen und Seitensprünge von Supersportlern (ehrlich, wen interessiert’s?) informiert ist, aber nur wenige das Swift-Abkommen überhaupt kennen, mehr denn je ein Bedarf an seriös und sorgfältig aufbereiteten Nachrichten besteht. Ich glaube also nicht, dass eine gesunkene Nachfrage nach echter Information Problem ist, sondern der Wunsch der Zeitungsverlage, alles haben zu wollen.

Man wünscht sich nach wie vor den Zeitungsleser, der morgens am Frühstückstisch die Ausgabe seines Leib- und Magenblattes durcharbeitet, will aber auch bei Google an erster Stelle stehen, wenn bestimmte Suchworte eingegeben werden. Daher gibt es auch die mehr oder weniger schlampig aufbereiteten Online-Auftritte der überregionalen (und vieler kleinerer) Zeitungen, wo man zumindest ausschnittweise das Tagesgeschehen frei Bildschirm geliefert bekommt. Bei vielen ist dieses Online-Angebot nicht unbedingt ein Aushängeschild, was seriösen Journalismus sowie handwerkliche Qualität angeht (schon mal was von Korrekturlesen gehört?). Bei der Online-Lektüre ergeben sich also zwei Probleme: Warum kaufen, was man eh umsonst haben kann (ah, das Google-Ranking!) und warum für etwas zahlen, das so schlecht gemacht ist.

Hinzu kommt, dass kaum jemand wirklich eine Zeitung von der ersten bis zur letzten Seite liest; fast jeder hat seine Schwerpunkte und Interessensgebiete. Da man sich – wenn man sich etwas Mühe gibt – im Internet auch in der Tagespresse kundig machen kann, wird man darauf verzichten, einzelne Zeitungen zu kaufen.

Auch auf diesem Gebiet wird wieder mal die aktuelle Entwicklung verschlafen, die sich nicht zurückdrehen lässt, auch wenn die Zeitungsverleger das doof finden mögen. Anstelle sich über Alternativen Gedanken zu machen, schreit man nach dem Papi-Staat, damit der ein Taschengeld auszahle, mal wieder mit den Arbeitnehmern als Geiseln. Hatten wir schon mal, funktioniert nicht auf nachhaltige Weise. Natürlich wird die Politik sich breitschlagen lassen und Geld in ein sterbendes Vertriebs- und Geschäftsmodell pumpen, denn sonst werden die Geiseln, äh, die Arbeitnehmer ja erschossen entlassen, doch dies wird den Niedergang nicht aufhalten können, denn aufgeschoben ist nicht aufgehoben.

Ich darf mich rühmen, durchaus über etwas Branchenkenntnise zu verfügen; und mir fallen auf Anhieb mehrer Möglichkeiten ein, wie man dem Leser zu seinem Qualitätsjournalismus und den Zeitungen zu ihren Lesern verhelfen kann. Ehrlich. Es ist ganz einfach, und es gibt mehr als eine Möglichkeit, und alles ist durch selbständiges Denken herauszufinden.

Die Lösung ist nämlich nicht die Boulevardisierung der seriöseren Blätter (den Scheiß hat man im Fernsehen schon bis zum Abwinken) oder das Nachtuten von dem, was Lobbyisten gerne lesen. Und Staatshilfen können es auch nicht sein, da möchte ich anregen ,das Geld doch eher zu verbrennen. Das bringt zwar auch nichts, ist aber irgendwie lustiger.

Liebe Zeitungsverleger, Ihr könnt nicht alles haben: Leute, die für Inhalte zahlen UND bei den Suchmaschinen weit oben landen, Qualität und Popul- bzw. Lobbyismus. Hört auf, uns die Ohren vollzuweinen und findet die Lösungen, die Eure Kernkompetenz (nein, nicht die Brustvergrößerung von X und auch nicht das Fremdgehen von Y), nämlich die seriöse Information der Bürger in ein neues Zeitalter überführt. Es ist noch nicht zu spät, Ihr müsst das Pferd nicht zu Tode reiten. Ihr habt die Wahl, wählt also mit Verstand.

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December 5, 2009

Zur Abwechslung mal was echt Inhaltliches: Die Hamburger Schulreform

Filed under: Bildung, Hamburg, Inhaltliches — admin @ 2:33 pm

Nach der Wahl fielen die Piraten quasi in ein großes Loch: Infostände nur noch sporadisch, die Zeit der bunten Aktionen ist erst mal vorbei, die Aufmerksamkeit der Medien wendet sich dringenderen Themen zu (zum Beispiel der angeblichen Ehekrise von Tiger Woods) und man steht irgendwie im Wald und fragt sich: Was nun?

Ich persönlich begrüße dies durchaus, kann man sich doch endlich mal dem zuwenden, was Parteipolitik ausmachen sollte: der inhaltlichen Arbeit, in die ich mich sehr gerne einbringe, da ich die Fähigkeit zur Auseinandersetzung mit Inhalten als eine meiner Stärken empfinde.

Nun winkt in Hamburg keine Wahl in näherer Zukunft, dafür aber eine Volksabstimmung, nämlich die zur Schulreform. Und das berührt unmittelbar eines der piratischen Kernthemen, nämlich die Bildung, und die ist in Deutschland Ländersache (auch wenn man sich das vielleicht anders wünschen würde).

Schon im Wahlkampf wurde ich öfter gefragt, wie die Piraten zur anstehenden Schulreform in Hamburg stehen, und ich war regelmäßig gezwungen, mit allgemeinem Blabla zu antworten, in dem irgendwo auch die Aussage enthalten war, dass wir keine Aussage zum Thema machen können, da wir keine Position entwickelt hätten. Das geht natürlich gar nicht, siehe Kernthemen, Kompetenzpartei und so.

Daher gibt es jetzt eine AG Schulreform Hamburg (noch nicht abgesegnet, sondern in der Entstehung begriffen), die sich rein dienstleistend versteht: Sie soll die unterschiedlichen Positionen zusammentragen, Gespräche mit Befürwortern und Gegnern führen und die Fakten so aufbereiten, dass die Hamburger Piraten VOR der Volksabstimmung zu einer Position gelangen und eine Wahlempfehlung abgeben können. Ist dies erreicht, ist die Aufgabe der AG beendet, an der Meinungsfindung nehmen die Mitglieder als einfache Piraten teil.

Auch, aber nicht nur aus diesem Grund sind pluralistische Meinungen bei den AG-Mitgliedern ausdrücklich erwünscht; wir wollen neutral und möglichst unvoreingenommen an die Sache herangehen. Daher sind Befürworter, Gegner, Leute, die noch keinen Plan von nichts haben und die, die etwas anderes wollen, ausdrücklich eingeladen, sich an der Arbeit der AG zu beteiligen.

Natürlich gibt es auch eine Wiki-Seite zum Thema, und da bin ich ganz stolz auf mich, denn es ist mir tatsächlich gelungen, eine Seite zu erstellen, die wie eine echte Wiki-Seite aussieht und nicht wie die, die ich bisher verhunzt habe (und die barmherzige Piraten-Samariter still und diskret dem gängigen Layout anpassten, herzlichen Dank hierfür!).

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