Piraten-Jinx

February 27, 2010

Wo laufen sie denn?

Filed under: Inhaltliches, Internes, Piraten, Programmatisches — admin @ 12:37 am

Immer wieder gern gehört: Die Piratenpartei ist weder links noch rechts, sondern vorne. Dies ist momentan leider nicht ganz richtig, zumindest was die Mitglieder angeht: die sind weder noch noch, sondern da, wo es bunt ist.

Das nachlassende Interesse von Medien und Öffentlichkeit nach der Bundestagswahl wurde völlig richtig als Chance begriffen, sich der inhaltlichen Arbeit mit voller Kraft zu widmen, was dringend geboten ist. Leider stagniert die inhaltliche Arbeit jedoch, vor allem auf Bundes, aber zumindest teilweise auch auf Landesebene (ich fühle mich nicht kompetent, hier für alle Landesverbände zu sprechen, daher beziehe ich meine Aussagen auf den Hamburger Landesverband). Dabei mangelt es nicht an Ideen oder Anregungen, aber sehr wohl an dem Durchhaltevermögen, dies auch umzusetzen. Auf Bundesebene, wo alles noch schwieriger ist, da man nur aus der Ferne korrespondieren, sich aber nur selten mal ganz wirklich zusammensetzen kann, ist alles noch schwieriger: In den Listen, auf denen ich mitlese, verheddert man sich sinnlos in endlosen Diskussionen, die nirgendwohin führen, schweigt sich aus, weil Einzelpersonen alles totreden, was eine konträre Meinung vertritt etc. Und man eröffnet Piratenpads im Dutzend.

Das Piratenpad ist das neueste Lieblingskind all derer, die endlich mal was tun wollen, aber nicht genau wissen, was sie eigentlich tun sollen, um des inhaltlichen Vakuums Herr zu werden. In einer durchschnittlichen Piratenmailbox sammeln sich leicht gefühlte fünfzig verschiedene URLs für Piratenpads mit so intuitiv begreifbaren Bezeichnungen wie http://piratenpad.xx/aölksdfjadhgasödk.htm. Das Tool ist nicht schlecht, wenn mehrere Leute gleichzeitig an einem Text arbeiten wollen, vorausgesetzt der Text ist streng monothematisch, nicht zu sehr untergliedert und vor allem nicht zu lang, sowohl was die Dokumentlänge angeht als auch die Bearbeitungszeit. Denn Anker kann man nicht setzen (was selbst in dem Schwarzen Loch, das wir Wiki nennen, möglich ist) und eine Gewähr, dass das Pad mit dem mühsam erzielten Ergebnis nach ein paar Tagen noch online ist, gibt es nicht. Also sind individuelle Sicherungskopien angesagt, um die Textsubstanz zu sichern, was meist zu einer Buchstabenwüste ohne Umlaute und Sonderzeichen führt (je nach Format). Im Fall eines Datenverlusts ist viel Disziplin von allen Beteiligten notwendig, um die aktuellste Version wieder online zu bringen (und nicht einfach irgendeine).

Überhaupt sind Tools das neue Allheilmittel gegen die Übel der inhaltlichen Leere. Die Tools sollen richten, was die Hirne nicht bringen, und das nächste Tool, das oft niemand bisher gesehen hat, der davon berichtet, ist echt ganz toll und wird es reißen.

Dazu wird auf Bundes- wie auf Landesebene reorganisiert, modifiziert und effizienter gestaltet, sollen Synergieeffekte bei der Optimierung helfen und anscheinend beliebig viele Kräfte eingebunden werden, für den Fall, dass sich auch noch die in den Wohnungen der Piraten befindlichen Hausstaubmilben an der inhaltlichen Parteiarbeit beteiligen möchten. Einstweilen sind es meist im Optimalfall eine Handvoll Leute, die in einem Bereich arbeiten (im ungünstigen Fall ist es gar keiner), für den Organigramme gezeichnet, neue Organisationsformen ins Leben gerufen werden, wo ein Mail oder ein Anruf es dicke auch tut und außerdem den Bullshitfaktor gering hält. Völlig offen ist, ob sich in absehbarer Zeit überhaupt die Menge an Leuten beteiligt, um diese theoretischen Strukturen sinnvoll mit echtem Leben zu erfüllen.

Dabei wird verkannt, dass weder eine neue Struktur noch ein neues Tool uns das Denken und die Arbeit abnehmen kann, denn solange die nicht geleistet wird, binden derartige Phantasien nur Zeit, Kraft und Energie, die dann da fehlen, wo sie eigentlich benötigt werden, nämlich bei der ganz konkreten und manchmal sehr mühsamen und langweiligen Sacharbeit. Ganz abgesehen davon, dass es sehr ermüdend ist, immer der aktuellen Sau nachzujagen, die gerade als “super-wichtig” durchs Dorf getrieben wird, aber ein paar Tage später wieder vergessen ist – zugunsten von etwas Neuem, das halt auch bunt oder  sogar noch bunter ist. Bei sinnvoller Themen- oder infrastruktureller Arbeit stört so ein blinder Aktionismus nur.

Denken und Ideen sinnvoll entwickeln kann man auch mit Stift und Papier.

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February 17, 2010

Was soll Schule leisten?

Filed under: Hamburg, Inhaltliches, Schulreform — admin @ 6:21 am

In Hamburg kommt eine Schulreform auf uns zu, und vor dieser Reform kommt – falls kein Wunder geschieht – ein Volksentscheid über dieselbe. Die PIRATEN des Hamburger Landesverbandes haben entschieden, eine Abstimmungsempfehlung zu geben. Diese soll fundiert und überlegt geschehen, und zu diesem Zweck wurde die AG Schulreform gegründet, die ich koordinierte. Wir recherchieren ergebnisoffen und werden unsere Erkenntnisse so neutral wie es menschlichen Wesen möglich ist, auf einem Themenkongress präsentieren. Ich möchte auf unsere Recherchen an dieser Stelle noch nicht eingehen, da diese noch nicht abgeschlossen sind.

Beim heutigen Treffen der Hamburger PIRATEN wurden erste Zwischenergebnisse vorgestellt, und es entstand eine interessante Diskussion, in deren Verlauf die Frage gestellt wurde, was die Schule leisten soll. Eine Antwort war, dass sie Kinder nach vorne bringen soll.

Hört sich gut an, nur ist unklar, was “vorne” bedeutet. Ist man vorne, wenn man einen Luxusklasse-Wagen vor dem schmucken Eigenheim hat, selbst, wenn man abseits seiner beruflichen Qualifikation die geistige Dimension eines Stücks Toasts hat und ethisch so beschlagen ist, dass die Mitmenschheit einem lieber aus dem Weg geht, außer sie werden dafür bezahlt, sich in der Nähe aufzuhalten? Ist es eine umfassende Bildung? Soziale Kompatibilität, Denken und Handeln innerhalb der ethischen Werte unserer Gesellschaft? Wie wichtig ist Kreativität?

Eltern beantworten diese Fragen sehr unterschiedlich und Jugendliche werden meist überhaupt nicht gefragt, wie sie darüber denken. Eltern sind, was ihren eigenen Nachwuchs angeht, erstaunlich beratungsresistent. Das gilt nicht nur für die, die der Meinung sind, eine muntere Schar Hochbegabter und/oder Indigo-Kinder (je nach Anschauung) in die Welt gesetzt zu haben, und sich strikt weigern, auf die Hinweise der Lehrer einzugehen, die zu erklären versuchen, dass das Wunderkind in der dritten Klasse ein A nicht von einem X unterscheiden kann und außerdem seine Mitschüler prügelt. Es gilt auch, wenn das eigene Kind eigene Wünsche in Bezug auf Schultyp, Fächerauswahl, weitere Ausbildung zu Gehör bringt. Dies ist oft im Teenageralter der Fall, wird auf die wenigstens jetzt sehr praktische Pubertät geschoben und negiert, denn das renitente Gör hat ohnehin keine Ahnung. Das weiß ich aus eigener, leidvoller Erfahrung, obwohl ich intelligente, gebildete und verständnisvolle Eltern hatte bzw. habe, und nicht jedes Kind hat die Kraft, den Bürgerkrieg in der eigenen Wohnung anzuzetteln (den Krieg habe ich übrigens gewonnen – er dauerte etwa vier Jahre lang, und es hat nicht immer Spaß gemacht).

Eltern meinen es im günstigen Fall wirklich gut, nur ist gut gemeint nicht immer auch gut gemacht. Hinzu kommen gesellschaftliche Umbrüche, die eine Delegierung von Aufgaben an die Schule erzwangen, die früher eigentlich Aufgabe des Elternhauses war.

Die Politik neigt dazu, Eltern wieder in die Pflicht zu nehmen und negieren eben diese Umbrüche, die – wie immer man zu ihnen stehen mag – nicht umkehrbar sind. Das Bildungswesen darf die Augen nicht davor verschließen, dass es Eltern gibt, denen es egal ist, ob ihre Kinder in die Schule gehen und einen Abschluss erwerben, dass es Alleinerziehende gibt, die inklusive Arbeitsweg 12 Stunden aushäusig beschäftigt sind oder dass es Elternhäuser gibt, in denen Erziehungsberechtigte unserer Sprache so wenig mächtig sind, dass sie nicht verstehen, was von ihnen erwartet wird und dies  – bei allem guten Willen – nicht imstande sind zu leisten.

Die Frage, was die Schule leisten soll, wird meist mit der klangvollen Aussage beantwortet, dass sie “für das Leben fit machen soll”. Hört sich gut an, sagt gar nichts, und vor allem braucht ein Künstler eine andere Fitness als jemand, der in einem sozialen Beruf arbeitet, und die Fitness eines Bankdirektors oder Anwalts sieht anders aus als die eines zukünftigen Arbeitnehmers, für die der Arbeitsmarkt schlicht keine Arbeit mehr hat (jetzt nicht mit “wer arbeiten will, der kann auch arbeiten kommen, ich verweise auf das Verhältnis offener Stellen zu verfügbaren Arbeitskräften, und da berücksichte ich unsere exorbitante versteckte Arbeitslosigkeit großzügigerweise noch gar nicht).

Wenn ich nach genauem Nachdenken die Antwort auf obige Frage auf einen Satz herunterbrechen soll, dann bin ich nur zu einem Schluss gekommen, der mir sinnvoll erscheint: Schule soll ihre Schüler befähigen, die eigenen Möglichkeiten, Neigungen und Begabungen zu erkennen, diese fördern und die Wege aufzeigen, wie man zu einem Leben findet, das dem gemäß ist. Damit das funktioniert, braucht der Schüler eine Art gesunder Halbbildung, mehr ist angesichts des sich ständig mulitplizierenden Wissens ohnehin nicht mehr möglich. Wichtig ist, dass man lernt, wie man lernt, was man im Leben braucht, und das ist sehr unterschiedlich.

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February 14, 2010

Zielführende Diskussionskultur, wo bist Du?

Filed under: Inhaltliches, Piraten — Tags: , — admin @ 8:26 pm

In der Piratenpartei – wie auch anderswo, wo es basisdemokratisch zugeht – steht man bei der Beiteiligung an allgemeinen Diskussionsmedien immer wieder vor dem Problem, dass eine zielführende Diskussion nicht zustande kommt oder im Keim erstickt wird.

Zielführend zu diskutieren heißt nun nicht, dass alle einer Meinung sein müssen, ganz im Gegenteil. Es bedeutet, dass man bei der Beleuchtung eines Themas fakten- und themenorientiert diskutiert, auf Argumente mit Gegenargumenten reagiert (und nicht mit erleuchteten Weisheiten à la “Du bist doof”) und dass man sich um einen Konsens bemüht.

Leider werden Diskussionswillige immer wieder vertrieben von Leuten, die permanent schwafeln, faseln, einen mit einer Wall of Text zubomben, vom Thema abschweifen, ihre Argumente so oft wiederholen, bis niemand mehr etwas schreiben mag etc. Zielführend geht anders, und für thematisch arbeitende Gruppen ist dies der GAU.

Dies ist ein Dilemma der Piratenpartei: Sie will und muss basisdemokratisch sein, denn deswegen sind die meisten von uns eingetreten. Das bedeutet auch, dass jeder das Recht hat, seine Meinung zu äußern und seinen Standpunkt zu erläutern. Dazu stehen wir, aber wir müssen eben einen Weg finden, wie wir trotzdem irgendwie zum Ziel kommen.

Das kann und darf nicht heißen, Leute von der Diskussion abzuhalten, indem man sie ausschließt, oder gar nichts mehr zu schreiben.

Stattdessen sollten sich die, die an einer echten, zielführenden Diskussion interessiert und imstande sind, eine solche auch zu führen, innerhalb der Mailingliste zusammenschließen und die, die das nicht wollen oder können, einfach mal ignorieren. Und zwar, wenn nötig, dauerhaft – nachdem man abgecheckt hat, was die wollen und ob die nicht doch etwas beitragen können. Hilfreich ist immer, Leute aufzufordern, etwas auszuarbeiten, die eigenen Thesen genau zu erläutern oder zu belegen. Das hat den Vorteil, dass es Schwafler sinnvoll beschäftigt und zudem sinnvolle Inhalte erkennbar macht. Im Idealfall kommt irgendwann tatsächlich so etwas wie ein Konsens heraus.

Das klappt jedoch nicht immer. Oft stehen sich Vertreter konträrer Meinung gegenüber. Die meisten Menschen haben das Ziel, so lange weiterzudiskutieren, bis alle glücklich sind., die Gegenseite eingesehen hat, dass man doch recht hatte und man sie freudig an die eigene, natürlich viel breitere, stärkere und bessere Meinunsbrust drücken kann. Doch manche lassen sich hartnäckig nirgendwohin drücken, und oft genug haben sie ihre Gründe dafür.

Über Inhalte entscheidet ein Landesparteitag (auf Landesebene) oder eben der Bundesparteitag (auf Bundesebene). Es spricht nichts dagegen, gegensätzliche, gut ausgearbeitete Thesen vorzutragen und die Versammlung darüber abstimmen zu lassen, welchen Pfad man als piratig erkennt und weiterverfolgen möchte.

Es gilt eben, dass nie alle glücklich sein werden und dass es eine Illusion ist, eine Partei zu finden, mit der man zu 100% überreinstimmt – es sei denn, man gründet selbst eine und läd maximal Leute ein, die ohnehin zu allem Ja sagen. Realistisch sind 70 – 75% Übereinstimmung (das ist eine ganze Menge und würde ich für mich als Untergrenze definieren), Normal sollten 80+% sein, und 90% sind toll. Die sind in einer kleinen Partei mit begrenztem Themenspektrum natürlich leichter zu erzielen als in einer großen, die alle Themenbereiche irgendwie abdeckt. Aber das darf keine Entschuldigung sein, um sich davor zu drücken, konkrete Positionen zu entwickeln, Themenbereiche zu erschließen und auszuarbeiten und dafür bitte auch die Verantwortung zu übernehmen.

Das ist nämlich, was im Wahlkampf immer wieder an uns herangetragen wurde: Die Frage nach konkreten Positionen und konkreten Antworten, nicht nur neue Bereiche betreffend, sondern auch unsere Kernthemen.

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December 5, 2009

Zur Abwechslung mal was echt Inhaltliches: Die Hamburger Schulreform

Filed under: Bildung, Hamburg, Inhaltliches — admin @ 2:33 pm

Nach der Wahl fielen die Piraten quasi in ein großes Loch: Infostände nur noch sporadisch, die Zeit der bunten Aktionen ist erst mal vorbei, die Aufmerksamkeit der Medien wendet sich dringenderen Themen zu (zum Beispiel der angeblichen Ehekrise von Tiger Woods) und man steht irgendwie im Wald und fragt sich: Was nun?

Ich persönlich begrüße dies durchaus, kann man sich doch endlich mal dem zuwenden, was Parteipolitik ausmachen sollte: der inhaltlichen Arbeit, in die ich mich sehr gerne einbringe, da ich die Fähigkeit zur Auseinandersetzung mit Inhalten als eine meiner Stärken empfinde.

Nun winkt in Hamburg keine Wahl in näherer Zukunft, dafür aber eine Volksabstimmung, nämlich die zur Schulreform. Und das berührt unmittelbar eines der piratischen Kernthemen, nämlich die Bildung, und die ist in Deutschland Ländersache (auch wenn man sich das vielleicht anders wünschen würde).

Schon im Wahlkampf wurde ich öfter gefragt, wie die Piraten zur anstehenden Schulreform in Hamburg stehen, und ich war regelmäßig gezwungen, mit allgemeinem Blabla zu antworten, in dem irgendwo auch die Aussage enthalten war, dass wir keine Aussage zum Thema machen können, da wir keine Position entwickelt hätten. Das geht natürlich gar nicht, siehe Kernthemen, Kompetenzpartei und so.

Daher gibt es jetzt eine AG Schulreform Hamburg (noch nicht abgesegnet, sondern in der Entstehung begriffen), die sich rein dienstleistend versteht: Sie soll die unterschiedlichen Positionen zusammentragen, Gespräche mit Befürwortern und Gegnern führen und die Fakten so aufbereiten, dass die Hamburger Piraten VOR der Volksabstimmung zu einer Position gelangen und eine Wahlempfehlung abgeben können. Ist dies erreicht, ist die Aufgabe der AG beendet, an der Meinungsfindung nehmen die Mitglieder als einfache Piraten teil.

Auch, aber nicht nur aus diesem Grund sind pluralistische Meinungen bei den AG-Mitgliedern ausdrücklich erwünscht; wir wollen neutral und möglichst unvoreingenommen an die Sache herangehen. Daher sind Befürworter, Gegner, Leute, die noch keinen Plan von nichts haben und die, die etwas anderes wollen, ausdrücklich eingeladen, sich an der Arbeit der AG zu beteiligen.

Natürlich gibt es auch eine Wiki-Seite zum Thema, und da bin ich ganz stolz auf mich, denn es ist mir tatsächlich gelungen, eine Seite zu erstellen, die wie eine echte Wiki-Seite aussieht und nicht wie die, die ich bisher verhunzt habe (und die barmherzige Piraten-Samariter still und diskret dem gängigen Layout anpassten, herzlichen Dank hierfür!).

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November 17, 2009

Nachdenken über das bedingungslose Grundeinkommen

Filed under: Inhaltliches — admin @ 11:49 pm

Immer mehr Personen und Gruppierungen fordern ein bedingungsloses Grundeinkommen für alle, und auch in der Piratenpartei gibt es Arbeitsgemeinschaften, die sich mit diesem Thema beschäftigen, ergebnisoffen und bisher ohne belastbares Resultat (man arbeitet daran). Also habe auch ich mir ein paar Gedanken dazu gemacht.

Natürlich gilt für dieses Thema, dass alle Theorie einstweilen grau ist. Es fehlen belastbare Studien oder groß angelegte Modellfälle, die auf dieses Land übertragbar sind. Und es bleibt natürlich die Frage der Finanzierung.

Doch das bedingungslose Grundeinkommen, wenn es in einer Höhe ausgezahlt wird, die ein Auskommen ermöglicht, ohne seine Zeit mit der Jagd nach den allergünstigten Sonderangeboten zu verplempern oder nicht zu wissen, wie man seine Miete zahlen soll, enthält ein gewaltiges, innovatives Potential. Natürlich würde es kein Leben im Luxus ermöglichen, sondern eben die Grundbedürfnisse decken, ohne Demütigung und ohne dauernde Bittstellerei bei den Ämtern.

Für das bedingungslose Grundeinkommen sprechen folgende Punkte:

  • Die Vollbeschäftigung ist eine Illusion, und dass sie von Politikern immer wieder beschworen wird, macht sie nicht realistischer. Allein durch den technischen Fortschritt gingen und gehen Arbeitsplätze verloren. Diese wurden vor allem von Menschen ohne oder mit geringer Qualifikation besetzt, die meist keine vergleichbare Stelle mehr finden.
  • Wer aus Altersgründen oder wegen fehlender Qualifikationen keine Arbeit findet, wird per Hartz IV nicht mehr an den Rand der Gesellschaft gedrängt, weil praktisch alle Freizeitbeschäftigungen und Bildungsangebote das Geld kosten, das ein Hartz-IV-Empfänger nicht hat.
  • Dumpinglöhne und demütigende Ein-Euro-Jobs, die zur Ausbeutung und zur Demoralisierung arbeitender Menschen führen, gehören der Vergangenheit an, ebenso der Gang zu den Sozialbehörden für die Arbeitnehmer, die trotz Vollzeitbeschäftigung ihren Lebensunterhalt nur zum Teil bestreiten können.
  • Menschen mit Kindern werden freier in ihrer Entscheidung, wie lang sie bei ihren Kindern zu Hause bleiben wollen oder sich – bei Rückkehr ins Arbeitsleben – für eine qualitätvolle Kinderbetreuung entscheiden. Damit fällt bei vielen Familien und Alleinerziehenden eine beträchtliche Belastung weg, was der gesunden Entwicklung der Kinder zugute kommt.
  • Menschen können sich freier für eine Tätigkeit oder eine Arbeitsstelle entscheiden, wodurch ein beträchtliches kreatives Potential frei wird, das sich in einer erhöhten Produktivität äußert.
  • Die verfügbaren Stellen können mit mehr Menschen besetzt werden, die diese in Teilzeit ausfüllen. Dies führt zu einer erhöhten Flexibilität, sowohl des Arbeitsmarktes als auch der Arbeitnehmer
  • Die längst überfällige Modernisierung des Arbeitsmarktes würde durch das bedingungslose Grundeinkommen beschleunigt und alternative Beschäftigungsmodelle können entwickelt werden.
  • Aus abhängigen Angestellten werden mündige Arbeitnehmer – dies fördert Selbstverantwortung und Kreativität, was wiederum zu einer erhöhten Produktivität führt.
  • Das bedingungslose Grundeinkommen würde über den Konsum in den Wirtschaftskreislauf zurückgeführt werden und so die Binnenwirtschaft stärken.
  • Die Bürokratie könnte wirkungsvoll und im großen Stil abgebaut werden, die Gängelung der von staatlichen Leistungen Abhängigen hätte ein Ende.

Natürlich werden auch Punkte gegen das bedingungslose Grundeinkommen vorgebracht, im Wesentlichen sind es folgende:

  • Wer nicht arbeiten muss, wird auch nicht arbeiten. Das ist eine populäre, wenn auch durch die Praxis widerlegte Auffassung: Sehr viele Menschen arbeiten mehr, als sie müssten, und das aus unterschiedlichen Gründen: Weil sie das Bedürfnis haben, sich viel leisten zu können, weil sie Freude und Befriedigung durch ihre Arbeit empfinden. Es gibt viele sehr begüterte Menschen, die einer Tätigkeit nachgehen, obwohl sie es vom finanziellen Standpunkt her nicht müssten (so gibt es einen Biologen, der wissenschaftliche Texte über Meeresgründlinge in Fachpublikationen veröffentlicht, obwohl er als Kaiser von Japan eigentlich nicht nötig hätte).
    Zudem gibt es in jeder Gesellschaft, wie restriktiv oder liberal sie auch sein mag, einen geringen Prozentsatz an Menschen, die nicht arbeiten möchten. Das ist nicht zu ändern, auch wenn wir das nicht schön finden mögen. Die Erfahrung hat gezeigt, dass diese Menschen nur durch Zwangsmaßnahmen (vom Arbeitslager bis zur zwangsweisen, sinnentleerten Einfachsttätigkeit. Hatten wir leider schon mal, hat sich nicht bewährt) zur Arbeit zu bringen sind. Für die allermeisten Menschen trifft das jedoch nicht zu. Für den Rest gibt es kein Patentrezept, wie man sie zu “funktionierenden” Mitgliedern der Gesellschaft machen könnte, auch wenn gerade wir Deutschen beständig danach suchen.
  • Die Finanzierbarkeit wird angezweifelt. Nun, ich persönlich zweifele z. B. die Finanzierbarkeit von Kriegsführung oder der Bankenrettung (Finanzkrise) an, und trotzdem waren in diesem Land Milliarden verfügbar, um sie in marode Unternehmen zu pumpen – und es werden weitere Milliaren investiert werden, um die Unternehmen zu retten, die durch diese Krise geschädigt werden. Milliarden, die fehlten, als dringende Investitionen auf den Gebieten der Umwelt-, Sozial- und Bildungspolitik angemahnt wurden.
  • Viele Menschen werden nicht verantwortungsvoll mit dem Grundeinkommen umgehen, d. h. sie werden einen großen Teil in Alkohol, Drogen, Unterhaltungselektronik etc. umsetzen. Nun, es wird sicherlich Menschen geben, die dies tun, aber die wird man kaum davor bewahren können, denn das tun sie jetzt schon, mit ihrem Gehalt, so sie eines haben, oder auch mit den Geldern aus staatlicher Unterstützung. Als Pirat bin ich der Meinung, dass die Verantwortung für das eigene Leben nicht vom Staat übernommen werden sollte.

Letztendlich wäre es ein Experiment – aber wenigstens ein visionäres, das eine wirkliche gesellschaftliche Veränderung in Gang setzen könnte, die wir uns heute kaum vorstellen können.

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