Immer wieder gern gehört: Die Piratenpartei ist weder links noch rechts, sondern vorne. Dies ist momentan leider nicht ganz richtig, zumindest was die Mitglieder angeht: die sind weder noch noch, sondern da, wo es bunt ist.
Das nachlassende Interesse von Medien und Öffentlichkeit nach der Bundestagswahl wurde völlig richtig als Chance begriffen, sich der inhaltlichen Arbeit mit voller Kraft zu widmen, was dringend geboten ist. Leider stagniert die inhaltliche Arbeit jedoch, vor allem auf Bundes, aber zumindest teilweise auch auf Landesebene (ich fühle mich nicht kompetent, hier für alle Landesverbände zu sprechen, daher beziehe ich meine Aussagen auf den Hamburger Landesverband). Dabei mangelt es nicht an Ideen oder Anregungen, aber sehr wohl an dem Durchhaltevermögen, dies auch umzusetzen. Auf Bundesebene, wo alles noch schwieriger ist, da man nur aus der Ferne korrespondieren, sich aber nur selten mal ganz wirklich zusammensetzen kann, ist alles noch schwieriger: In den Listen, auf denen ich mitlese, verheddert man sich sinnlos in endlosen Diskussionen, die nirgendwohin führen, schweigt sich aus, weil Einzelpersonen alles totreden, was eine konträre Meinung vertritt etc. Und man eröffnet Piratenpads im Dutzend.
Das Piratenpad ist das neueste Lieblingskind all derer, die endlich mal was tun wollen, aber nicht genau wissen, was sie eigentlich tun sollen, um des inhaltlichen Vakuums Herr zu werden. In einer durchschnittlichen Piratenmailbox sammeln sich leicht gefühlte fünfzig verschiedene URLs für Piratenpads mit so intuitiv begreifbaren Bezeichnungen wie http://piratenpad.xx/aölksdfjadhgasödk.htm. Das Tool ist nicht schlecht, wenn mehrere Leute gleichzeitig an einem Text arbeiten wollen, vorausgesetzt der Text ist streng monothematisch, nicht zu sehr untergliedert und vor allem nicht zu lang, sowohl was die Dokumentlänge angeht als auch die Bearbeitungszeit. Denn Anker kann man nicht setzen (was selbst in dem Schwarzen Loch, das wir Wiki nennen, möglich ist) und eine Gewähr, dass das Pad mit dem mühsam erzielten Ergebnis nach ein paar Tagen noch online ist, gibt es nicht. Also sind individuelle Sicherungskopien angesagt, um die Textsubstanz zu sichern, was meist zu einer Buchstabenwüste ohne Umlaute und Sonderzeichen führt (je nach Format). Im Fall eines Datenverlusts ist viel Disziplin von allen Beteiligten notwendig, um die aktuellste Version wieder online zu bringen (und nicht einfach irgendeine).
Überhaupt sind Tools das neue Allheilmittel gegen die Übel der inhaltlichen Leere. Die Tools sollen richten, was die Hirne nicht bringen, und das nächste Tool, das oft niemand bisher gesehen hat, der davon berichtet, ist echt ganz toll und wird es reißen.
Dazu wird auf Bundes- wie auf Landesebene reorganisiert, modifiziert und effizienter gestaltet, sollen Synergieeffekte bei der Optimierung helfen und anscheinend beliebig viele Kräfte eingebunden werden, für den Fall, dass sich auch noch die in den Wohnungen der Piraten befindlichen Hausstaubmilben an der inhaltlichen Parteiarbeit beteiligen möchten. Einstweilen sind es meist im Optimalfall eine Handvoll Leute, die in einem Bereich arbeiten (im ungünstigen Fall ist es gar keiner), für den Organigramme gezeichnet, neue Organisationsformen ins Leben gerufen werden, wo ein Mail oder ein Anruf es dicke auch tut und außerdem den Bullshitfaktor gering hält. Völlig offen ist, ob sich in absehbarer Zeit überhaupt die Menge an Leuten beteiligt, um diese theoretischen Strukturen sinnvoll mit echtem Leben zu erfüllen.
Dabei wird verkannt, dass weder eine neue Struktur noch ein neues Tool uns das Denken und die Arbeit abnehmen kann, denn solange die nicht geleistet wird, binden derartige Phantasien nur Zeit, Kraft und Energie, die dann da fehlen, wo sie eigentlich benötigt werden, nämlich bei der ganz konkreten und manchmal sehr mühsamen und langweiligen Sacharbeit. Ganz abgesehen davon, dass es sehr ermüdend ist, immer der aktuellen Sau nachzujagen, die gerade als “super-wichtig” durchs Dorf getrieben wird, aber ein paar Tage später wieder vergessen ist – zugunsten von etwas Neuem, das halt auch bunt oder sogar noch bunter ist. Bei sinnvoller Themen- oder infrastruktureller Arbeit stört so ein blinder Aktionismus nur.
Denken und Ideen sinnvoll entwickeln kann man auch mit Stift und Papier.

