Alles hat ein mal ein Ende, so auch meine Beteiligung an dieser Aktion. Es hat mir Spaß gemacht, und ich wünsche der Sache viele interessante Nachfolger. Es ist jedoch arbeitsintensiv, wenn man sich jeden Tag einer gewissen Parteiöffentlichkeit präsentiert, sodass ich heute, einem Tag, an dem ich einen Nicht-Piratentermin wahrnehmen muss, der meine Aufmerksamkeit verlangt, eine persönliche Bilanz ziehe.
Wir sind Piraten – find ich gut
Ich habe mich an dieser Aktion beteiligt, weil ich die Idee gut finde. Die meisten identifizieren unsere momentane Schwäche als ein Problem der Außenwirkung – das ist sicherlich nicht falsch. Aber es ist ein Symptom, nicht das eigentliche Problem. Solange wir uns weiter mit uns selbst beschäftigen, ist die Außenwirkung eine Marginalie.
Erinnern wir uns an die Zeit vor und nach der Berlinwahl, die uns zum ersten Mal in ein Länderparlament brachte. Wer im wahlkämpfenden Berlin dabei war – und das waren viele von außerhalb -, der weiß, dass dort alle an einem Strang zogen. Die Berliner haben für ihren Erfolg ganz bitter geackert, waren täglich auf der Straße, haben dauernd Material nachproduziert und es verteilt, und die Auswärtigen machten mit, boten ihnen ihre Hilfe an, die gern genommen wurde. Alle arbeiteten zusammen. Wie wäre das geworden, wenn ein Teil des aktiven Berlinteams das alles boykottiert hätte, weil sie es lieber anders gehabt hätten (vielleicht gab es die sogar - aber man hat sie wenigstens nicht wahrgenommen). Oder wenn die Auswärtigen sich hingestellt hätten und erst mal erklärt hätten, was man da alles anders, schöner und sowieso viel besser hätte machen müssen? Eben. Ich habe in Berlin Leute gesehen mit Blessuren (Stichwort: Leiter), die am nächsten Tag wieder auf der Matte standen, Leute, die täglich am Infostand in dem Bezirk zu finden waren, in dem sie kandidierten, bis sie fast im Stehen einschliefen. Leute, die ihre Gesichter für provokante Thesen hergaben. Kein weichgespültes Blabla, kein Neusprech, kein Zögern. Und kein lautes Genörgel an Gott, dem BuVo und der Welt.
Die Aktion #wirsindpiraten ist für mich eine Gelegenheit, darzustellen, dass es in der Partei immer noch eine Menge Leute gibt, die produktiv arbeiten. Die versuchen, die Sache voranzubringen, ohne sich im täglichen Hickhack zu verlieren.
Schlömer, wer? Pondader, was?
Es wird nie den Vorstand geben, mit dem alle glücklich sind. Live with it, or get a life. Wir hängen uns an Äußerungen auf, die uns nicht gefallen und fluten Twitter und andere uns zur Verfügung stehenden Kanäle damit, als ginge es darum, den Dritten Weltkrieg zu verhindern. Wieso eigentlich? Jemant tätigt eine Äußerung in irgendeiner Zeitung, einem Blog oder – wie Johannes Ponader zuletzt – in einem Podcast, und wir tun, als würde das für immer ins kollektive Gedächtnis der Deutschen eingebrannt bleiben, sodass wir uns ins Gefecht werfen müssen, um diesen Skandal zu tilgen. Oh, bitte. Von den in diesem Lande regierenden Parteien würde keine mehr existieren, wenn das kollektive Gedächtnis diesen Namen verdiente – zumindest, was das Tagesgeschäft angeht. Schweigen wäre ein Zeichen von Intelligenz, aber was tun wir? Wir befeuern die 1001ste fruchtlose Debatte, und das, was tatsächlich im Gedächtnis der Wähler bleibt, ist eine Vorstellung von Uneinigkeit bei den Piraten. Den Schuss hört ihr hartnäckig nicht, nicht wahr?
Das ist parteischädigender als alle Einzeläußerungen, die mit diesem inzwischen überstrapazierten Begriff belegt werden. Es schädigt nämlich die, die wirklich arbeiten, anstatt sich dauernd ihren Befindlichkeiten hinzugeben. Wen etwas stört, der sollte sich aktiv einbringen, um für seine Position zu werben und das, was nicht passt zu ändern. Wir sollten uns von Schnackern, Meckerern und theoretisierenden Schwaflern nicht tyrannisieren lassen. Etwas nur auszusprechen, ändert gar nichts. Ihr wollt es anders haben? Super, dann bringt euch ein.
Das gilt besonders für Unzufriedenheit mit unseren Vorständen. Ach Gott, Bernd Schlömer will auch Wahlkampf mit Köpfen machen? Wenn euch das nicht gefällt, warum setzt ihr dann keine Konzepte entgegen anstelle des ewigen Mimimi? Nur zur Erinnerung: In Berlin wurde genau das gemacht, wofür der Vorsitzende warb (nein, ich bin kein Fanboy, sondern ignoriere den BuVo, falls das jemand vergessen haben sollte). Man stellte den Themen auf den Plakaten (die kurz, knackig und allgemeinverständlich formuliert waren, btw.) Köpfe zur Seite, die quasi für diese Themen warben. Nicht “Angela – für eine goldene Zukunft”, sondern Leute wie Du und ich, die nicht zehn Jahre Jünger durch die Kraft der Bildbearbeitung gemacht wurden. Leute, denen man auf der Straße begegnen konnte, bei Aktionen und Infoständen. Mit denen man reden konnte. Das waren auch Köpfe, und zwar authentische.
Wer da einen Reality-Check braucht, frage doch mal in seinem Nicht-Piratenumfeld, wie viel von dem, was der BuVo in den Medien so von sich gab, überhaupt im Gedächtnis geblieben ist. Und was man heute mit dem Namen Piraten verbindet. Ihr werdet euch wundern. Die meisten werden nicht mal wissen, wie der Vorsitzende überhaupt heißt.
Worauf es wirklich ankommt
Es kommt letztendlich auf das an, was wir tun. Wir werden die Quittung dafür erhalten. Wenn weiterhin Piraten mit zu viel Tagesfreizeit ihre Kraft und Energie destruktiv einsetzen, werden wir verlieren. Wenn wir weiterhin versuchen, ein Programm zu machen, dass irgendwie allen gefällt und keinen stört, dann verlieren wir auch. Berlin war erfolgreich, weil sie mit Themen antraten, die aneckten, mit Dingen, die so keiner sagen, geschweige denn meinen würde. Wir sind keine Volkspartei, und wir sollten auch keine werden wollen. Das Konzept “Volkspartei” ist nicht mehr tragfähig und wird sich historisch gesehen überleben. Für eine auf- und abstrebende Kleinpartei gilt vor allem: wer allen ein bisschen gefällt, wird von keinem gewählt.
Diese Entwicklung ließ sich beim letzten Programmparteitag auch in Hamburg beobachten, als die Zauderer und Zögerer die Oberhand behielten und jeder Antrag, der auch nur ansatzweise nach Neuanfang, neu Denken oder Zukunftsgestaltung aussah, zerredet wurde, bis fast nur noch der Kram übrig blieb, der so auch von anderen hätte kommen können – mit Ausnahme der Kernthemen vielleicht. Diese Entwicklung ist gefährlicher als alles, was je ein BuVo sagen könnte. Es macht uns austauschbar und beliebig – und so dem verhaftet, was der Status Quo ist. Das brauchen wir aber nicht. Die Piraten haben sich nämlich zusammengetan, weil sie wissen, dass der Status Quo scheiße und nicht zukunftsfähig ist.
Was wir brauchen
Wir wissen, dass der Sozialstaat in den letzten Zügen liegt, dass es kein unendliches Wachstum gibt, dass die Mehrheit der Deutschen keiner Kirche mehr angehört, dass Vater-Mutter-Kind in lebenslang längst nicht mehr das einzige Modell ist, in dem die kleinsten gesellschaftlichen Einheiten sich organisieren (sie tun es eben einfach nicht mehr). Wir wissen, dass Deutschland nicht mehr weiß und christlich ist – und würden dorthin auch gar nicht zurückwollen. Wir glauben, dass Teilhabe letztendlich wichtiger ist, als auf seinen Besitzständen zu bestehen, als hüte man den Heiligen Gral. Wir sind die Einzigen, die wirklich eine Ahnung haben, wie die Informationsgesellschaft aussehen könnte, und wir halten die Bestrebungen der Regierungen, uns zu gängeln, zu überwachen und unser Leben zu gestalten, für uns für gefährlicher sind, als Al-Quaida oder die nebelhaften Terroristen, die interessanterweise immer dann als diffuse Bedrohung beschworen werden, wenn’s der Politik gerade in den Kram passt. Wir nehmen Transparenz wirklich ernst und fordern sie nicht nur für die anderen, sondern auch für uns. Das ist, was wir vertreten, womit wir werben müssen. Wir müssen nicht allen gefallen, sondern erst mal wieder uns selbst.
Die Weiterentwicklung der innerparteilichen Mitbestimmung
Das ist ein ganz zentraler Punkt. Wie wollen wir den Wählern vermitteln, dass unsere Demokratie ein Update braucht, wenn wir selbst keins für unsere innerparteiliche Mitbestimmung hinbekommen? Ob das nun die SMV wird oder etwas anderes , ist egal. Aber wir treten auf der Stelle, stimmen auf einem Parteitag über acht (!!!) Tagesordnungen ab (welcher Idiot war denn für diesen organisatorischen Schwachsinn verantwortlich?) und tun, als wäre es 2009, während “meanwhile in Friesland” mal eben so Liquid Feedback eingeführt wird. Für jeden. Das mag seine Tücken und seine Schwächen haben, ABER ES WIRD GEMACHT. ES WIRD WENIGSTENS VERSUCHT, während wir uns von Nörglern, Zauderern und Bremsern lahmlegen lassen. Wie wollen wir dem Bürger vermitteln, dass die Demokratie sich verändern muss, wenn wir nicht mit Beispielen vorangehen und so etwas wie eine Entwicklung im Kleinen aufzeigen, vielleicht mit Irrwegen oder Rückschlägen. Aber wir müssen uns da mal bewegen. Ganz, ganz dringend.
Beachtung für die, die es verdienen
Anstatt uns über die aufzuregen , die irgendwas gesagt haben, das uns nicht passt, sollten wir endlich denen Beachtung schenken, die die Partei durch ihre tägliche Arbeit am Leben erhalten. Unsere Arbeitsbienen in allen Bereichen. Die, welche die Strukturen aufbauen, die anderen überhaupt erst die Gelegenheit geben, sie zu zerreden und zernörgeln. Wo bleibt die Unterstützung für alle, die konstruktiv für die Partei tätig sind, egal in welchem Bereich? Sie sind inzwischen praktisch unsichtbar, während sie in Berlin noch eine Wahl gewannen. Deswegen finde ich dieses Projekt so wichtig, weil es sichtbar macht, was wirklich wichtig ist, weil es unterschiedliche Facetten der Parteiarbeit sichtbar machen und vielleicht auch andere inspirieren kann. Damit Parteiarbeit kein so undankbares Geschäft bleibt, wie sie es momentan ist.
Ich wünsche dem nächsten Kurator viel Erfolg und viele Leser.

