Natürlich können die Schweizer abstimmen, wie immer sie lustig sind, das müssen wir als Ausdruck des Volkswillens respektieren (ebenso wie das Ausland damit zurechtkommen muss, das wir nun einen Außenminister auf die Menschheit loslassen, der sich so staunend über das politische Parkett bewegt wie ein Sechsjähriger auf dem Weihnachtsmarkt). Und die Schweizer wollen eben keine neuen Minarette mehr. Aber wir leben nicht in der Schweiz.
Betrachten wir die Situation in Deutschland: Moslems sind hier eine große Minderheit, und nicht wenige sind deutsche Staatsbürger bzw. werden in wenigen Jahren welche sein. Und bevor wir über die Schweiz herfallen, sollten wir vor unserer eigenen Tür kehren, ich sage nur “Pro Köln” und die unsäglichen Kundgebungen in Berlin, wo besorgte Bürger einträchtig neben irgendwelchen NPD-Gestalten ihren Willen kundtaten, eben keine Moschee in ihrer Nachbarschaft haben zu wollen.
Als Pirat bin ich der Meinung, dass Religion Privatsache ist, weswegen mir die Stellung der Kirchen auch ein Dorn im Auge ist (allein dieses Gehühner beim Austritt …). Ich bin aber auch der Meinung, dass es jedem zugebilligt werden muss, seine Religion auszuüben, sofern es Andersdenkende nicht behelligt.
Behelligt wurde ich in meinem Leben von Christen, die unbedingt wollten, dass ich dasselbe glaube wie sie. Moslems taten das nie. Auch das Argument des Heiligen Krieges ist nicht plausibel, denn was dieser Heilige Krieg genau ist, darüber gehen die Meinungen weit auseinander. Die meisten Gelehrten scheinen der Meinung zu sein, dass es sich um einen geistigen Krieg handeln, und die, die das anders sehen, kommen meist aus Gegenden, die so unterentwickelt und arm sind, dass man keine Heiligkeit braucht, damit es zum Krieg kommt.
Mich erstaunt es schon, dass man vom Islam pauschal als einer aggressiven Religion spricht, hier in Europa, wo wir einen schwelenden, völlig Islam-freien Religionskonflikt haben (nämlich in Nordirland. Ach, der ist gar nicht so wahnsinnig religiös motiviert? Nein, wirklich!) und auch der Krieg in Ex-Jugoslawien eine religiöse Komponente hatte, die immerhin so stark war, dass serbische Priester im Fernsehen von der Schlacht am Amselfeld faselten.
Nein, mich überzeugt auch nicht, dass immer wieder Koransuren hervorgekramt werden, in denen von Feuer und Schwert gegen die Ungläubigen die Rede ist. Gebt mir eine Bibel, und als studierte Judaistin suche ich Massen von Zitaten heraus, von denen man hier nicht so wahnsinnig viel wissen will, weil das Ganze dann doch sehr schnell unzivilisiert wird, und ja, so etwas gibt es durchaus auch im sogenannten Neuen Testament. Kaum ein gläubiger Christ hierzulande möchte mit diesen Textstellen in Verbindung gebracht werden, stattdessen verweist man gebetsmühlenartig auf “Liebe Deinen Nächsten”. Den Moslems verwehrt man diese Art der religiösen selektiven Wahrnehmung jedoch.
Ich persönlich ziehe Minarette einem aktiven Kirchturm vor, denn erstere sind hierzulande reine Dekoration (nein, es droht kein Chor der Muezzine, denn dies muss beantragt werden, wobei dem keine große Zukunft beschieden ist), dafür nervt mich das Gebimmel doch zuweilen etwas.
Es ist schon richtig, dass die Gesetzgebung in vielen islamischen Ländern nicht unseren Vorstellungen entspricht, dass wir das Problem der nicht integrierten Moslems haben und dass es durchaus gewaltbereite Moslems gibt. Nur muss man erkennen, dass ein Moslem, der hier aufgewachsen ist, eine andere Sozialisierung erlebte als einer, der aus einem islamischen Land stammt, und auch dessen Sozialisierung unterscheidet sich ganz erheblich von der eines Moslems, der einem radikalisierten Umfeld ausgesetzt ist, vielleicht schon seit seiner Kindheit.
Mangelnde Integration ist ein Problem, doch da wäre der Staat gefordert, der, seit ich zurückdenken kann, gebetsmühlenartig wiederholte, dass “die ja alle irgendwann zurückkehren werden”. Nun, über 30 Jahre später sind sie immer noch hier, und das wird auch so bleiben. Es wäre Sache des Staates, einzusehen, dass es nicht reicht, Kinder einfach in der Schule neben solche zu setzen, die Deutsch können und zu hoffen, dass die das ihren ausländischen Freunden schon beibiegen werden. Das tun sie, aber nicht in der Form, in der man in der Schule auch nur einen Blumentopf gewinnen kann. Integration beginnt mit Sprache, und die zu vermitteln ist nun mal Sache der Schule, wenn das Elternhaus dazu (aus nachvollziehbaren Gründen) nicht in der Lage ist. Würde man als Schüler aus der Türkei, dem Maghreb oder einem arabischen Land nicht fast schon automatisch auf der Hauptschule landen, gäbe es viele Probleme hier nicht.
Was schließlich die Gewaltbereitschaft angeht, so verweise ich auf radikale Christen, die in den USA Leute erschießen, die Abtreibungen vornehmen (bzw., denn das Schlechte liegt so nah, auf die Bekloppten in Nordirland) oder auf prügelnde orthodoxe Juden in Israel, die auf ihre säkular denkenden Glaubensbrüder losgehen, weil diese am Schabbat nicht nur in den Heiligen Schriften lesen wollen. Da drängt sich mir durchaus die Frage auf, ob das Problem nicht die Religion an sich ist und weniger Glaube A, B oder C. Für Religionsrandale jedenfalls braucht man keine Moslems, das gibt es zuhauf auch anderswo.
Ich halte es für unbedingt geboten, unsere Mitbürger islamischen Bekenntnisses endlich aus ihren Besenkammern zu befreien, die sich gerne in Industrievierteln, in Bürohäusern oder Lagerhallen befinden und ihnen zu ermöglichen, ihre Religion in einem ebenso würdigen Rahmen auszuüben, wie Christen das auch tun. Von mir aus auch mit Minarett. Ich fühle mich weder durch ein paar Türmchen nicht überfremdet noch durch von Vierteln, die überwiegend von Moslems bewohnt sind (und ja, ich habe da Erfahrung, war lustig, damals in Kreuzberg, wo ich übergangsweise wohnte).
Ich würde denen, die so gegen “die Moslems” (die es ebensowenig gibt wie “die Christen” oder “die Juden” zu Felde ziehen, mal ein paar Erfahrungen mit einem modernen, moderaten Islam wünschen. Das ist auch ungefährlicher als der Besuch einer konservativen christlichen Gemeinde, da garantiert bekehrungsfrei.
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