Die Piratenpartei bezeichnet sich als “postgender”, und ich habe zunehmend Gefallen an diesem Konzept gefunden. Es bedeutet nämlich unter anderem, dass jeder Mensch seine Persönlichkeit nach eigenen Vorstellungen definieren und ausleben kann, unabhängig von den Vorstellungen die Geschlechterrollen betreffend, die die Gesellschaft uns tagtäglich und in allen Bereichen aufzwingt. Das finde ich entspannt und angenehm. Natürlich heißt es nicht, dass auch alle Piraten automatisch dieses Ideal leben oder verinnerlicht haben; kurz gesagt: Die Piratenpartei mag “postgender” sein, aber nicht alle Piraten sind es auch.
Das ist eigentlich kein Problem; Niemand wird ernsthaft behaupten, dass alle CDU-Mitglieder in ihrer Politik wahrhaft christliche Werte transportieren und umsetzen (haha!), dass alle Sozialdemokraten wahrhaft sozial denken, dass alle Grünen jeden Käfer von der Straße tragen und kein Auto fahren und so weiter. Schließlich sind wir alle nur Menschen, und eine Partei sucht man nach der größtmöglichen Deckung mit den eigenen Idealen aus. Wenn man nur in eine Partei eintreten würde, die die eigenen Vorstellungen zu 100% postuliert, würden wir alle noch immer suchen.
Nun droht gerade Frauen, die sich dem Postgender-Ideal verschrieben haben, einiges Ungemach von außen, und zwar sowohl durch Männer als auch durch Frauen. Und das wird ab und an ein bisschen lästig. Das hat nicht immer, aber machmal auch mit der Piratenpartei zu tun.
Nehmen wir zunächst die Männer. Einige haben nicht so den Überblick, ob man nun postgender ist oder feministisch, es ist ihnen auch egal, hauptsache, sie können mit ihren Vorstellungen von ganz unten aufwarten: Es wird einem von völlig unbekannten männlichen Menschen fehlende Weiblichkeit attestiert (woher wollen die denn das wissen?), Frustration, mangelnder Erfolg im Leben, lesbisch-sein (wo wäre da denn das Problem?), zu lange keinen Sex mehr gehabt zu haben, ohne hin keinen abzukriegen, Misserfolge im Studium, was auch immer. Von Menschen, die man noch nie gesehen hat, wohlbemerkt, die nichts von den Frauen, die sie attackieren, wissen. Das kann man nicht wirklich ernst nehmen. Es dürfte sich um einen Ausbruch eigener Frustrationen über persönliche Defizite, Unzulänglichkeiten und Misserfolge handeln, die auf die betreffenden Frauen projiziert werden. Denn diese Frauen haben das, was den Herren, die sich zumeist anonym austoben, fehlt: ein gewisses Maß an öffentlicher Aufmerksamkeit. Dieses Verhalten begleitet Frauen, seit sie am gesellschaftlichen Leben vollumfänglich teilnehmen und ist damit zwar lästig, aber weder neu noch originell. Wir sind es gewöhnt, dass manche Männer Weiblichkeit nicht in allen Facetten wahrnehmen können oder wollen und für ihre beschränkte und rückständige Sichtweise öffentlich werben.
Interessanter wird es bei Angriffen, die gerade Piratinnen (oder: weibliche Piraten) durch andere Frauen erfahren. Hier werden doch erstaunliche Behauptungen aufgestellt:
- es wird unterstellt, dass man (“frau”) ein Mann ist, der eine weibliche Identität angenommen hat, um Frauen arglistig zu täuschen (so etwas gibt es sicherlich, aber mir wäre das zu kompliziert, ich habe mich noch nie als Mann ausgegeben und werde das auch nicht tun)
- man sei ein Transvestit, transsexuell (was ist denn daran schlimm?) oder hätte sich gar bereits einer geschlechtsangleichenden Operation unterzogen (damit wäre man eine Frau, nicht wahr?)
- man wäre zu blöd, zu verstehen, wie man von Männern für ihre Zwecke instrumentalisiert wird (das höre ich besonders gern), und daher verrät man die Ideale der Frauen. Aha.
- eine gewisse Androgynität wird negativ bewertet; natürlich nicht bei Annie Lenox, Tilda Swinton oder Grace Jones, da ist das schick, aber bei der Frau von nebenan schon.
- man wäre nicht weiblich genug.
Den letzten Punkt finde ich besonders komisch. Ich meine, da befreit man sich mühsam und jahrzehntelang von dem Diktat männlicher Vorstellungen, die man als eingeschränkt, rückständig und verquast empfindet, nur um sich erneut mit Vorstellungen konfrontiert zu sehen, die ebenso eingeschränkt, rückständig und verquast sind, nur ein bisschen anders? Das soll wohl ein Witz sein.
Als moderne Frau, die dem Postgender-Ideal anhängt, ist es unter meiner Würde, mich mit so etwas zu beschäftigen. Ich brauche keine Ideologien, die mir vorschreiben, wie man sich als Frau zu verhalten, zu geben oder zu denken hat. Ich lehne es ab, mit derart beschränkten Sichtweisen konfrontiert zu werden, deren Hintergrund doch nur ein zutiefst inferiores Gedankengut ist, und ich werde mich damit nie wieder beschäftigen. Liebe Damen, ich kann nichts dafür, dass Ihr nicht imstande seid, Weiblichkeit in allen Facetten zu begreifen, das ist Euer Problem, und ich werde es nicht zu meinem machen. Letztendlich regt Ihr Euch nur darüber auf, dass ich mich Eurer Sichtweise nicht anschließen möchte. Diese Vorwürfe offenbaren einen Einblick in eine geistige Provinz, in der ich nicht mal tot über dem Zaun hängen möchte, salopp gesagt.
Etwas Persönliches am Rande: Zu meinen liebsten Hobbys gehören das Stricken, das Verspinnen von Wolle und das Kochen. Wenn eine der Damen mit ähnlich weiblich konnotierten Beschäftigungen in entsprechender Zahl aufwarten kann, bitte ich um Meldung. Außerdem diskutiere ich auf intellektueller Ebene über teilweise sehr komplexe Themen, kann mich klar und strukturiert ausdrücken, Lampen anschließen, einparken und noch einiges mehr, aber das macht niemanden zum Mann, und es macht einen auch nicht zu jemandem, der gern ein Mann sein möchte. Eher im Gegenteil.
Ich würde mir da also einen gelassenderen Umgang wünschen, gerade von feministischer Seite, und einen etwas erweiterten Horizont.



